Gekommen um zu bleiben… Ein Abend mit Judith Holofernes

2014
03.27

von Janina Laube

Buchhändlerreporterin Janina Laube

Buchhändlerreporterin Janina Laube

Heute, am 22.03.2014, fand nun leider schon meine letzte lit.Cologne-Veranstaltung für dieses Jahr statt. Als großer Wir sind Helden-Fan freute ich mich natürlich besonders auf einen Abend mit Judith Holofernes, an dem sie über das Texten, Musizieren und ihr Leben mit der Musik sprechen sollte.

Pünktlich um 21:00 Uhr betraten nach einer kurzen Vorstellung, Ingo Schmoll, welcher das Gespräch führen sollte, und Judith Holofernes die Bühne des Literaturschiffs.  Wir hörten uns einige alte und auch neue Songausschnitte, u.a. “Nichtsnutz”, “Müssen nur wollen”, “Danke ich hab schon”, von Wir sind Helden bzw. Judiths neuem Solo-Album „Ein leichtes Schwert“ an und im Anschluss wurde der komplette Songtext nochmal ohne Musik, aber im richtigen Rhythmus von ihr vorgetragen.

Sie erzählte, wie sie die Ideen zu ihren Songs bekommt ( im Prinzip war das überall und nirgendwo) und wie sie diese dann zu fertigen Songs zusammenführt. Manchmal sei es gar nicht so einfach, erinnere eher an eine Runde Tetris und dauere manchmal auch seine Weile. Mit der Zeit habe sie zudem gelernt, dass man einen Song nicht warten lassen und nach Möglichkeit immer zu Ende schreiben sollte, auch wenn er dann  vielleicht nicht aufs fertige Album passt.

Anhang 1Inspiriert wird sie durch persönliche Erlebnisse, sowie andere Künstler u.a. Dendemann, Fink und sehr vielen englischsprachigen Musikern. Sie hat einen sehr hohen Anspruch an sich selbst und möchte, dass Ihre Songs die Menschen zum Nachdenken anregen und nach Möglichkeit etwas in ihnen verändern. Auch wenn Ihr mal ein Song nicht so gelingt, gibt Sie nicht auf, denn man müsse sich erlauben auch mal schlechte Songs zu schreiben, sonst könne man keine guten schreiben, erzählt Sie Ingo Schmoll.

Im Anschluss haben wir noch ein paar private Dinge aus dem Leben der Judith Holofernes erfahren. Zum Beispiel, dass sie auf amerikanische Fernsehserien wie “24″, “Homeland”, “30 Rock” und “Downton Abbey” steht und dass Sie J.J. Abrams nach dem Ende von “Lost” nicht mehr ganz so gut leiden kann.

Alles in allem war es ein lehrreicher Abend, mit vielen witzigen Momenten und tollen Gedanken zur Musik und der Welt.

Ein musikalischer Abend

2014
03.25
Buchhändlerreporterin Anja Werner

Buchhändlerreporterin Anja Werner

von Anja Werner

Ich habe mich riesig auf meine finale Lesung mit Ulla Hahn auf dem Literaturschiff gefreut. Als ich einen Tag vorher höre, dass die Autorin wegen Krankheit ausfällt, bin ich zugegeben im ersten Moment geknickt. Aber dann auch neugierig. Svenja Leiber, Autorin des Romans „Das letzte Land“, wird den Abend alleine bestreiten. Sie ist das literarische Patenkind von Ulla Hahn und zum ersten Mal vor so großem Publikum.

Die Schriftstellerin (Jg. 1975) mit norddeutschen Wurzeln erhält sympathische Unterstützung von der Moderatorin und Leiterin Landespolitik Fernsehen des WDR Sabine Scholt. Ihr hat das Buch außerordentlich gut gefallen und sie freut sich, dass der Abend trotz Krankheit stattfindet. Das Schiff legt ab und nach herzlichen Genesungswünschen an Ulla Hahn liest Svenja Leiber eine Passage vor. Sie erzählt von Ruven Preuk, Kind des 20. Jahrhunderts, Musiktalent und Außenseiter. Er wird trotz seines Genies an seiner Zeit scheitern. Svenja Leiber empfindet große Empathie für ihre Figuren, lässt sie aber bittere Zeiten durchmachen. Der Klappentext von „Das letzte Land“ beschreibt den Roman als kapitalen Bildungsroman. Svenja Leiber ist mit dieser Beschreibung überhaupt nicht glücklich und sieht das Buch selbst als Entwicklungsroman. Es ist wie ein Musikstück geschrieben, voller Tempowechsel und einer lyrischen Erzählweise, die ihren Figuren oft karge Worte in den Mund legt. Das führt zu sehr erheiternden Szenen und ich möchte den Roman unbedingt lesen. Zudem mag ich die Sichtweise von Svenja Leiber auf die Welt.

Die Fahrt des Schiffes endet etwas früher als gewohnt, aber der Verlauf des Abends war ja ursprünglich auch anders geplant. Svenja Leiber hat ihre Sache großartig gemacht und ich würde jederzeit wieder zu einer Solo Lesung gehen…

 

We’re going to have some fun tonight

2014
03.21

von Uta Iwan

Buchhändlerreporterin Uta Iwan

Buchhändlerreporterin Uta Iwan

Was bin ich für ein Glückspilz! Im allerschönsten Sonnenschein am Rhein entlang zum Literaturschiff schlendern, fix den Büchertisch aufbauen für den Abend mit Anthony McCarten und dann mit den hereinströmenden Gästen des heutigen Abends überlegen, welches seiner Bücher wohl das Beste sei und warum es von seinem neuen Buch funny girl schon die deutsche Übersetzung, aber noch keine englische Ausgabe gibt. Freudige Erwartung allüberall.

Die Sonne neigt sich über die Dächer der Stadt, als die MS RheinEnergie ablegt. Das Spiel beginnt. Werner Köhler proudly presents: Anthony McCarten, 1961 unter einem Vulkan geboren in Neuseeland, Mitverfasser des legendären Theaterhits “Ladies Night”, Autor so erfolgreicher Bücher wie “Super Hero” und “Englischer Harem”. Rufus Beck, beliebter Schauspieler und begnadeter Hörbuchsprecher, hat nicht nur alle Harry Potter Bücher eingelesen, sondern auch alle Bücher von McCarten und viele andere Hörbücher, “The Voice jr.” sozusagen. Angela Spizig, Bürgermeisterin der Stadt Köln mit den Schwerpunkten Kultur und Medien, moderiert und übersetzt seit Beginn für die lit.Cologne.

Angela Spizig möchte ganz klassisch mit einer kleinen Einführung samt Vorstellung der illustren Gäste beginnen, aber McCarten hat einen anderen Plan: “Let us begin with a Joke”. Gesagt, getan, und schon hat er alle Herzen an Bord erobert. Er spricht ein vorzüglich zu verstehendes Englisch, hat eine sympathische Stimme und sein verschmitzter, etwas trockener Humor fesselt uns von der ersten Sekunde. Seine Theorie des Witzes, wie sie in seinem Buch von der “Comedy-Lehrerin” Kirsten Kole vorgetragen wird: “Ein guter Witz verwandelt uns aus dem Stand in eine Familie. Bei einem guten Witz gehören wir alle dazu – das ist das einzigartige Privileg, das uns gute Witze bescheren. Sie schweißen uns zusammen, sorgen dafür, dass wir uns ein bisschen weniger allein fühlen, weniger hoffnungslos, ein bisschen besser verstanden. ”

Rufus Beck verrät uns nun, was ihn an McCartens Büchern so fasziniert: Er erzählt Geschichten voll großer Tragik und gleichzeitig gibt es immer auch komische Elemente. Und er schenkt dem Leser immer ein tröstliches Ende. Das Publikum wird ungeduldig: Keine weiteren Erläuterungen mehr, jetzt wollen wir endlich was hören! Rufus Beck soll endlich was vorlesen!

McCarten 2aUnd schon sind wir mittendrin in der Geschichte der schüchternen Azime, 20, Kurdin, in London aufgewachsen und gefangen in einer Kultur zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne. In ihrer Welt gibt es klare Regeln, wie sie zu sein hat und was sie darf. Doch Azime funktioniert nicht so, wie Ihre Familie sich das vorstellt: Ihre Mutter gibt viel Geld für einen Heiratsvermittler aus, doch Azime nutzt ihr komödiantisches Talent, um die Kandidaten in die Flucht zu schlagen. Ihre kurdische Schulfreundin verliebt sich und fällt aus dem 8. Stock auf die Straße. Ein Unfall? Azime beginnt nachzuforschen. Als dann kurz darauf Terroranschläge in der U-Bahn Hunderte Opfer fordern, spürt sie, dass sie ihre Stimme erheben muss, dass sie ihr Talent, “komisch” zu sein, nutzen muss. Heimlich besucht sie einen Comedy-Kurs, schlüpft in eine Burka und tritt auf: als weltweit erste muslimische Komikerin. Der Auftritt ist wie Sprengstoff. Was sie sagt, tut immer auch ein bisschen weh, trifft aber mitten in’s Herz ihrer Zuhörer. Ihre Familie verstößt sie, die englische Presse feiert sie als Sensation, sie erhält Morddrohungen. Und doch macht sie ihren Weg auf die Bühne des Lebens.

Gebannt lauschen wir den Passagen, die Rufus Beck uns zu Gehör bringt.  Dann berichtet  McCarten von einem ungeheuerlichen Fall aus Kanada, bei dem ein muslimisches Mädchen aus Gründen der Familienehre von ihrem eigenen Vater ermordet wurde. Und über die Zeit des großen Mißtrauens, als 2005 in London mehrere Bombenanschläge die Menschen in Angst und Schrecken versetzten. Diese Ereignisse inspirierten ihn zu der Geschichte um Azime, die uns Hoffnung geben will, mit der Welt in aller ihrer Schönheit und Schrecklichkeit zurecht zu kommen. Er sieht den Humor als große Chance auf Versöhnung und beiderseitigem Verstehen, als verbindendes Element zwischen den Kulturen. Sein Buch ist auch eine Hommage an die großen englischsprachigen Comedians, die er mehrfach zitiert.

Blick aus dem Literaturschiff auf den Kölner Dom

Blick aus dem Literaturschiff auf den Kölner Dom

Angela Spizig versucht immer wieder, den Abend in geregelte Bahnen zu lenken, aber zum Ende geht das Temperament mit den beiden durch: McCarten und Beck liefern sich einen formidablen Witze-Wettstreit und das Publikum johlt vor Vergnügen. Was für ein verrückter, bezaubernder Abend! Ganz großes Theater!

Auf dem Heimweg summe ich ein kölsches Lied vor mich hin. Weiß nicht warum, es kam mir so in den Kopf: Denn die Träne die do laachs muß de net kriesche… Danke, lit.Cologne, für dieses wunderbare Literaturfestival!

 

 

“In der Nacht” auf dem Schiff mit Dennis Lehane

2014
03.21

von Moritz Revermann

Buchhändlerreporter Moritz Revermann

Buchhändlerreporter Moritz Revermann

Dennis Lehane – wow, einer der Helden meines persönlichen Krimiolymps, zu dem noch Robert Crais, Joe R. Lansdale und Michael Connelly gehören. Einer aus dem vierblättrigen Kleeblatt und dann noch irischer Abstammung, die auch in seinen Romanen immer wieder betont wird. Endlich durfte ich ihn mal live erleben. Und das Ganze auf der MS RheinEnergie, meinem Lieblingsveranstaltungsort der lit.Cologne. Flankiert wurde er von Dominic Raacke, der die deutschen Passagen wirklich großartig und perfekt moduliert las und dem lit.Cologne-Urgestein und genialen Übersetzer Bernhard Robben, der punktgenau, trocken und intelligent moderierte.

In der Nacht,  bei Diogenes erschienen, nachdem sich bei Ullstein nicht der große Durchbruch in Deutschland einstellen wollte, ist ein Gangster-Epos, das in den Roaring Twenties spielt, dessen Held ein Rum-Schmuggler ist und der sich in die falsche Frau verliebt – oder auch nicht (das finden Sie mal schön selbst heraus!). Für Lehane ist diese Zeit ein perfektes Setting, eine coole Zeit, bestimmt durch die Prohibition, die den Alkoholkonsum in Amerika nicht verringerte, sondern, ganz im Gegenteil, verdoppelte. Eine spannende, verrückte Zeit, sagt Lehane. Trinken, Rauchen, Tanzen und vor allem der Swing und der Jazz prägen diese Zeit, die einfach mit die coolste in Amerikas Geschichte ist. Und cool sind Lehanes Figuren zumeist, gleichzeitig aber auch komplexe oder gebrochene Gestalten.

LehaneLehanes Bücher sind allesamt Krimis, gleichzeitig aber immer auch Familienromane mit starken Vaterfiguren. Sein eigener Vater, ein einfacher Arbeiter der alten Schule, streng, aber auf seine Art auch liebevoll, nahm den jungen Dennis schon früh mit in die Kneipen des Lehanschen Viertels in Boston. Dort wurden fast wettbewerbsmäßig Geschichten erzählt, jeder versuchte, den anderen zu übertrumpfen und wer schlecht erzählte, wurde gnadenlos von der Bühne gepfiffen und ausgebuht. Eine gute Schule für den Schriftsteller Lehane, der dort lernte, pointierte Dialoge zu verfassen. Wie gut er das kann, sieht man auch an den Drehbüchern zu den Filmen zweier seiner Bücher, von denen Shutter Island mit Leonardo DiCaprio sicherlich der bekannteste ist. 

DSCF2511Dieser Abend auf der RheinEnergie hat Dennis Lehane sicherlich neue Leser beschert, wurde doch durch die Textpassagen an sich und spätestens durch die spannende Unterhaltung zwischen Robben und Lehane schnell klar, dass es sich hier nicht um einen 08/15 Krimischreiber handelt, sondern um einen, der sein (literarisches) Handwerk versteht, wenn nicht gar einer der ganz großen des literarischen Kriminalromans ist. Dank an die lit., diesen doch in Deutschland eher noch unbekannten Autoren über den großen Teich gelockt zu haben. Viele werden wieder eine Perle im Meer der Flut an neuen Büchern entdeckt haben. So gehet hin und leset. Viel Freude!

 

 

 

Die Wüste, Damaskus und die etwas andere Lesung

2014
03.21

von Susanne Gey

Buchhändlerreporterin Susanne Gey

Buchhändlerreporterin Susanne Gey

Alle Lesungen, die ich in den letzten Tagen besucht habe, waren Wunschveranstaltungen. Aber keine habe ich mir so sehr gewünscht wie diese: die Veranstaltung mit Rafik Schami! Als Azubi (Ende der 70er Jahre) habe ich eines seiner ersten Bücher gelesen. Wie ein „Rattenfänger“ hat mich dieser Mann mit seiner unvergleichlichen Erzählkunst in seinen Bann geschlagen. 35 Jahre habe ich auf diese Lesung gewartet und ich wurde nicht enttäuscht.

Diesmal begleitete mich meine Kollegin Jennifer Vignol. Genau wie im letzten Jahr waren wir wieder viel zu früh in Köln – und das besagte Kerzchen im Dom war natürlich Pflichtprogramm. Ob es hilft wissen wir nicht – aber schaden kann es ja auch nicht. Und so ein Rundgang durch diese Kathedrale ist für uns auch ein Abstreifen des Alltags. Wir kommen zur Ruhe und freuen uns umso mehr auf die kommende Veranstaltung.

Damit uns aber nicht vor Hunger der Magen knurrt, haben wir uns im Funkhaus-Café erst mal gestärkt. Das muß man gesehen haben: eine Bar im Stil der 50er Jahre mit einer kleinen, feinen Speisekarte, dezenter Jazzmusik und sehr freundlichem Personal. Da würde man gerne im Cocktailkleid (natürlich mit Petticoat) sitzen. Satt und zufrieden sind wir dann die drei Schritte zum Klaus von Bismarck Saal gegangen. Die freundlichen Herren vom letzten Mal nahmen uns wieder in Empfang und schwupps saßen wir auf unseren sehr guten Plätzen und dann ging es auch schon los:

Rafik Schami betrat die Bühne – und wurde mit minutenlangem Applaus begrüßt, worüber er sich sichtlich freute. Da die Veranstaltung als „Erzählexperiment“ ausgewiesen war, wussten wir schon, dass es keine übliche Lesung wird. Nein, viel besser: Wir machten einen Spaziergang durch Damaskus und die arabische Kultur. Wir lernten die Wüste vor der Stadt kennen, die in allen Variationen von Gelb leuchtet – aber überleben kann man dort als Individuum nicht. Deshalb ist man in Sippen organisiert, deren kleinste Form die Familie ist, und deren Oberhaupt immer ein Scheich ist. Absoluter Gehorsam ist überlebenswichtig. Wer aus der Reihe tanzt gefährdet die ganze Sippe – im Gegensatz zu uns Europäern, die wir als Individuen überleben können. Die Wüste ist immer gleich, bei uns wechselt die Landschaft alle paar Kilometer. Das schulte das europäische Auge für die Malerei. Dafür haben die muslimischen Länder sehr früh die Schrift entwickelt. Variationen von Gelb mit und ohne Palme sind auf die Dauer nicht befriedigend und das Fehlen der Malerei hat gar nichts mit dem Islam zu tun. Hätten Sie das gewusst? Damaskus hat sieben Stadttore und war von Alexander dem Großen nach einem Erdbeben auf griechische Art neu aufgebaut worden: gerade Linien durchzogen die Stadt. Die Griechen als Erfinder der Logik lieben das Geradlinige – wie z.B. ihre antike Säulen. Arabern ist das eher suspekt und so veränderte sich die Stadt wieder in einen Traum aus 1001er Nacht.

Wir begegneten dem liebenswerten Gemüsehändler, dem gefürchteten Pater Johannes und der Familie des Autors. Man konnte eine Stecknadel fallen hören im ausverkauften Saal, unterbrochen nur vom Szenenapplaus und unseren Lachern. Die Zeit flog viel zu schnell vorbei und als Zugabe gab es noch die Geschichte vom Nudelsalat. Strahlend verließ der Autor anschließend die Bühne, der Saal stand Kopf und der Applaus wollte nicht enden. Wer neugierig geworden ist, kann die Veranstaltung im WDR5 Programm nachhören, sie wurde dafür aufgezeichnet und wird im Juli gesendet. Den genauen Termin kann man beim Sender erfragen.

Rafik Schami

Rafik Schami

Die „Signierschlange“ schien auch diesmal endlos – aber wir waren clever: Jennifer Vignol holte unsere Sachen von der Garderobe und ich stellte mich schon mal zum signieren an. Und plötzlich war ich wieder 13. Mit Herzklopfen habe ich mein Buch zum signieren hin gehalten und meinem Lieblingserzähler gesagt, dass ich vor 35 Jahren… Ich blickte in die freundlichsten Augen meines Lebens und natürlich durfte ich auch ein Photo machen. Nein, ich musste sogar zwei machen – er bestand darauf. Ich war augenscheinlich so aus dem Häuschen, das ich die Aufnahme verwackelt habe.

Ich könnte noch stundenlang von diesem Autoren erzählen, der Literaturpreise ohne Ende bekommen hat, der sich für seine erste Heimat Syrien einsetzt, der ein Mittler zwischen den Kulturen ist – aber hinter mir geht eine blutrote Frühlingssonne auf, die hier in das Zimmer leuchtet. Nun heißt es zurück in den Alltag zu finden.

Dies war mein letzter Bericht von der lit.Cologne 2014 und ich bin ein wenig traurig, dass es schon vorbei ist. Aber ich möchte mich an dieser Stelle auch bei den „guten Geistern“ im Hintergrund bedanken, die uns Thalia-Reportern diese Veranstaltungen und Reportagen ermöglicht haben.

Vielen Dank

Susanne Gey

P.S. Und natürlich hat Rafik Schami Platz für seinen Schaukelstuhl in meinem Herzen. Und nicht nur in meinem…

“Buh” auf der MS RheinEnergie

2014
03.21

von Markus Kowal

Buchhändlerreporter Markus Kowal

Buchhändlerreporter Markus Kowal

Das vollbesetzte Literaturschiff fährt los und Leander Haußmann, Schauspieler, ehemaliger Intendant vom Schauspielhaus Bochum und erfolgreicher Regisseur, trifft auf Moritz von Uslar, ehemaliger Redakteur der Süddeutschen Zeitung, des Spiegels, momentan der Zeit und ausgezeichneter Romanautor. Wenn man die beiden Wortkünstler betrachtet, dann kann das ja nur ein großartiger Abend werden. Immerhin erfahren wir, wie man durch Erzählkunst und Komik aus Niederlagen und Skandale Siege macht! Ein wahres Potpourri aus Haußmanns Theaterarbeit und Leben wird uns auf sehr amüsante und unnachahmlicher Weise vorgetragen. Leander Haußmann hat schon vieles erlebt. Druckerlehre, Wehrdienst bei der NVA, mit der er mit  seinem gleichnamigen Film abrechnet, Schauspielschule und gefeierter Regisseur.

Haußmann kleinSein neues Buch heißt “Buh” und bezieht sich auf die Niederlagen im Künstlerleben, als z.B. bei seiner Münchner “Fledermaus” Inszenierung, eben diese Rufe infernalisch auf ihn trafen. Durch seine unchronologischen Einblicke, gibt er zwar seine sentimentalen Abgründe preis, aber umgarnt uns dabei mit seinem selbstironischen Charme! Ohne jegliche Ironie berichtet er uns allerdings in seinem Buch vom Tod seines Vaters, dem Schauspieler Ezard Haußmann.  Spätestens an dieser Stelle wünscht man ihm jeden erstrebten Erfolg. Doch hier auf dem Literaturschiff spürt man förmlich die Anwesenheit seines Vaters, wenn er eine wunderbare Anekdote über eine Theateraufführung mit ihm berichtet, wo die klare Regieanweisung von Leander Haußmann an Ezard Haußmann, er möge sich als König von Spanien in dieser Szene “an den Sack” (Zitat) fassen, auf extremen Widerstand von seinem Erzeuger stößt, der ausruft: “Ein König fasst sich nicht an den Sack!” Schließlich einigt man sich auf den Begriff “Ironie” dabei und man kann mit der Probe fortfahren.

Bei so viel künsterischen Herz kann man den Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier einfach nicht verstehen, wenn er Haußmann als “fröhlichste Regie Null” bezeichnet. Dafür heißt dann auch die lächerlichste Figur in seinem Film “NVA” – Stadelmaier. Moritz von Uslar und Haußmann bieten sich einen genießerischen, verbalen Schlagabtausch und irgendwann schaue ich kurz auf den vorbeiströmenden Rhein und wünsche mir noch eine weitere Runde auf dem Literaturschiff. Denn der Regisseur hat noch weit mehr zu bieten als Sonnenallee und Herr Lehmann. Schließlich bezeichnet er selbst sein Buch als “Fänger im Roggen für Sechzigjährige!” Ironie?

Als die Lesung vorbei ist und unser Literaturschiff wieder im sicheren Hafen vor Anker liegt, hört man nur stürmischen Beifall und Jubelrufe, aber kein einziges mal ruft irgendjemand den Titel seines neuen Buches. Wenn das nicht ein voller Erfolg ist?!!!

Martin Kordić liest aus “Wie ich mir das Glück vorstelle”

2014
03.21

Heute Abend wird in den Balloni Hallen der 5. Silberschweinpreis vergeben. Nominiert sind in diesem Jahr Gunnar Cynybulk, David Finck, Silvia Tschui und Martin Kordić. Bei “zehnSeiten.de” liest Kordić aus seienem neusten Werk “Wie ich mir das Glück vorstelle”. Darin geht es um einen Außenseiter und seinen einzigartigen Weg durchs Leben.

Von dem Glück zu leben und der Freiheit zu sterben

2014
03.21

von Saidjah Hauck

Buchhändlerreporterin Saidjah Hauck

Buchhändlerreporterin Saidjah Hauck

Heute darf ich endlich wieder meinen Lieblingsveranstaltungsort besuchen: das Literaturschiff.
Stefan Barmann, Romanist und Übersetzer, führt durch die Veranstaltung mit Emmanuèle Bernheim und Maria Schrader.
Emmanuèle Bernheim, Jahrgang 1955, ist Japanologin, Schriftstellerin, Drehbuchautorin und auch Regisseurin. Sie hat für das Buch „Seine Frau“ den Prix Médicis bekommen, das Drehbuch für den Film „Swimmingpool“ mit Charlotte Rampling geschrieben und Houellebecq dabei geholfen, sein Buch „Plattform“ zu verfilmen.
Heute stellt sie ihr neues Buch vor: “Alles ist gutgegangen“, autobiografisch und sehr persönlich. Sie erzählt die ziemlich verrückte Geschichte darüber, wie ihr Vater, ein Lebemann vor dem Herrn, wissbegierig, immer neugierig und auf der Suche nach Neuem, reiselustig und bonvivant sie nach einem Schlaganfall darum bittet, ihm dabei zu helfen, Schluss zu machen. Sie ist schockiert aber nicht überrascht und nachdem er ihr sagt „Das bin nicht mehr ich.“ begreift sie und erklärt sich einverstanden.
Sie trifft sich mit ihrer Schwester und beide beschließen dem Vorhaben zuzustimmen. Doch wie geht das? Er will in die Schweiz. Emmanuèle und Pascale Bernheim treffen sich mit einer Züricherin die einem Verein angehört, der den Freitod ermöglicht. Er will sofort die Reise antreten doch sie benötigen viele Dokumente und ein passendes Datum muss auch gefunden werden. Von da an geht es dem Vater immer besser, er blüht wieder auf und ist stolz auf seine Entscheidung und seinen Mut.P1020526
Die Geschwister wollten die Reise mit dem Vater antreten und ihn begleiten, was leider nicht möglich war, so dass Emmanuèle Bernheim sich um ihren Abschied und ihre Trauer beraubt fühlte und dieses Buch schreiben musste. Es ist ein sperriges und trauriges Thema aber bei Leibe kein trauriges Buch. Ein Buch das sich lohnt.
Emmanuéle Bernheim und Maria Schrader haben einige Teile daraus abwechselnd auf Französisch und Deutsch vorgelesen, beides hörte sich toll an und machte Lust auf die Geschichte. Vielleicht hätte Stefan Barmann noch intensiver auf das spannende Thema eingehen sollen, die Vorlage dazu war gegeben.
Emmanuèle Bernheim fand noch Zeit an unserem Tisch ihr Buch zu signieren und schnell war der interessante Abend vorbei.

 

Glück und Unglück des Werner Spies – Ein Leben mit der Kunst und für die Kunst

2014
03.21

von Michael Raschke

Buchhändlerreporter Michael Raschke

Buchhändlerreporter Michael Raschke

Ein überwiegend gutsituiertes bürgerliches Publikum hatte sich in dieses Mal in den für die Lit.Cologne üblichen langen Schlagen schon gut eine Stunde vor Beginn dieser Veranstaltung am frühen Mittwochabend vor dem Anleger der Köln-Düsseldorfer am Rheinufer angestellt. Angekündigt war mit dem Kunsthistoriker, Ausstellungsmacher und ehemaligen Direktor des Musée d’art moderne im Pariser Centre Georges Pompidou, Werner Spies, einer der profundesten Kenner der Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts.

Im vergangenen Jahr erschienen im Hanser Verlag unter dem Titel „Mein Glück“ seine Memoiren, über die er auf der MS Rheinenergie mit dem Feuilleton-Redakteur der FAZ, Andreas Platthaus, sprach. Den Titel seiner Erinnerungen begründet er im Buch so: „Ich war glücklich, ich hatte Glück und mein ganzes Leben hat mich auch zum Glück geführt, zu Menschen geführt, die mich glücklich machten, weil ich mit ihnen zusammen etwas tun konnte. Und das passte alles zum Begriff des Glücks. Mir ist im Grunde alles in den Schoß gefallen.“

Einen Tiefpunkt im Lebenswerk von Werner Spies stellte seine Verwicklung in den 2010 offenbarten Kunstfälschungsskandal um den Fälscher Wolfgang Beltracchi dar, hatte doch Spies, der als profundester Kenner des Werkes von Max Ernst gilt, sieben Fälschungen Beltracchis für echt erklärt. Die dürre Aussage, „ein Opfer diabolischer Kräfte“ geworden zu sein, ließ viele Fragen offen und so blieb auch eine Chance ungenutzt zumindest den Versuch zu unternehmen einem interessierten Publikum zu erläutern, wie es möglich war, dass sich Spies – ebenso wie andere Kunstexperten – so täuschen lassen konnte. Auch in seinen Erinnerungen handelt er diese „schlimmste Erfahrung (s)eines Lebens“ auf ganzen sechs Seiten im Epilog ab.

Spies kleinDies soll aber die Größe von Werner Spies’ Lebenswerk nicht schmälern, denn es war natürlich nicht nur „Glück“, sondern auch großer Ehrgeiz, ein immenser Arbeitseifer und eine „unbezwingliche Neugierde auf die Kunst“, die den Sohn eines Volksschuldirektors aus dem schwäbischen Rottweil aus der katholisch geprägten Enge der nachkriegsdeutschen Provinz 1953, mit Anfang Zwanzig, nach Paris brachte, in die Stadt, die zu dieser Zeit Anziehungspunkt für Künstler und Intellektuelle aus aller Herren Länder war. Dort traf er im Lauf der Jahre auf viele der bedeutendsten Vertreter der modernen Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts. Ausführlich und anschaulich berichtete er – und las die entsprechenden Passagen aus dem Buch – wie es ihm zunächst gelang, zahlreiche Autoren, darunter bekannte Vertreter des „nouveau roman“ wie Natalie Sarraute, Alain Robbe-Grillet u.a., für eine Zusammenarbeit mit dem Süddeutschen Rundfunk gewann. Mit Samuel Beckett und Max Ernst verband ihn eine enge Freundschaft bis zu dessen Tod, den großen deutschen Surrealisten machte er einem großen Publikum in Deutschland erst bekannt zu einer Zeit, als dieser als verfemt galt. Er erarbeitete ein Verzeichnis des umfangreichen Gesamtwerkes von Max Ernst, die Gründung des Max Ernst Museums in dessen Heimatstadt Brühl geht auf Werner Spies’ Initiative zurück. Schließlich gelang es dem Kunsthistoriker auch, das Vertrauen Pablo Picassos zu gewinnen und eine Gesamtschau dessen umfangreichen plastischen Werkes zu erarbeiten. Die Ausführungen von Werner Spies und die von ihm vorgetragenen Passagen aus seinen Erinnerungen gehörten zu den Höhepunkten dieses Abends.

Meese kleinSchließlich kam mit dem Performance-Künstler Jonathan Meese noch ein weiterer Gast auf die Bühne. Meese, der mit seinem Pamphlet über die “Dikatatur der Kunst” für Furore gesorgt hat, war von Andreas Platthaus eingangs als „guter Geist, der uns später noch besuchen wird“, angekündigt worden . Dieser Besuch entpuppte sich als ein Auftritt der etwas anderen Art: Meese verlas zunächst über gute zehn Minuten hinweg eine neunseitige Hommage auf Werner Spies, dies in einem irrwitzigen Staccato, ohne Punkt und Komma, oft recht zusammenhanglos und wirr, im Kern handelte es sich um einen wilden Rundumschlag auf den gesamten Kulturbetrieb, den Meese als zynisch bezeichnete und dem sich Künstler weitestgehend entziehen müssten. Daraus entwickelte sich im Anschluss eine anregende und lebhafte Diskussion über die Aufgaben und Funktionen von Kunst, in denen Werner Spies – der seine große Wertschätzung für die Kunst Meeses und insbesondere dessen „Authentizität“ deutlich machte – den ungebändigten und sprunghaften Ausführungen des Künstlers eine reflektiertere Position entgegensetzte.

 

Am 16. März erkundeten Kim Leine und Richy Müller auf der lit.COLOGNE den “Ewigkeitsfjord”

2014
03.20

Ende des 18. Jahrhunderts geht Morten Falck als Missionar nach Grönland. Hier prallen die Lebensweise der Eingeborenen und der Kolonisatoren gewaltsam aufeinander. Die zehn Gebote, die er predigt, wird Falck bald in vielfacher Hinsicht übertreten…

Der Hanser Verlag lässt Autor Kim Leine, der selbst 15 Jahre in Grönland verbrachte, zu Wort kommen: