Wissenschaftliche Langzeitstudie am Pubertier

2014
10.14

von Lena Marazza

Locker betritt Jan Weiler an diesem lit.COLOGNE SPEZIAL-Abend die Bühne im Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR. Schon lange habe ich mich gefreut, diesen Mann mal live zu erleben. Sofort beginnt er mit den Anekdoten aus seinem Leben und besonders von der “Tyrannei der Jugend”, ausgeführt durch seine 15-jährige Tochter, die ihm in dieser besonderen Phase des Lebens seines schwer macht.

Buchhändlerreporterin Lena Marazza

Buchhändlerreporterin Lena Marazza

Sehr ehrlich erzählt er von peinlichen Telefonaten im vollen Zug, bei denen er auch gerne mal Harry Rowohlt zitiert und von seinen allmorgendlichen Versuchen, seine Tochter, liebevoll “Pubertier” genannt, unter lebensgefährlichen Bedingungen zu wecken. Selber gibt er zu, seine Tochter auch gerne zu ärgern, die jedoch auch immer wieder zurück schlägt.
Immer wieder fühle ich mich an meine Pubertät erinnert und auch die Reaktion des Publikums macht deutlich, dass die meisten nicht nur über seine, sondern auch über ihre eigenen Erfahrungen in und mit der Pubertät nachdenken.

Jan Weiler - "Das Pubertier"

Jan Weiler – “Das Pubertier”

Nicht nur aus seinem neuesten Bestseller “Pubertier” trägt er heute vor, sondern liest auch einige seiner wöchentlichen Kolumnen vor, durch die wir auch den Rest seiner Familie ein Stück weit kennen lernen. Seinen Sohn, mit dem er ins verhasste Schwimmbad fährt und dann unfreiwillig im Wasser landet, oder seinen Schwager, der Siedler-Spiele, Met und Verkleidungen selber herstellt, die so toll sind, dass Weilers Frau Sarah lieber exzessiven Alkoholgenuss vortäuscht, um ihren Mann von ihrem Schwager zu befreien und ihre Ehe zu retten.
Wenn das Erzählte auch in Echtzeit so wirklich und lustig war, wie es bei uns rüberkommt, wünscht sich wohl jeder, Teil dieser Familie zu sein. Auch wenn es nahezu alltäglich klingt, macht er durch seine besondere Art Vorzutragen jede Geschichte zu einem kleinen Teil eines wirklich lustigen Abends. Und ich werde demnächst öfters mit meinen Eltern beim Sonntagsfrühstück Radio Bayern 2 einschalten, um seinen Kolumnen “Mein Leben als Mensch” zu lauschen.

Für alle, die selbst einen Einblick in das Leben der Familie Weiler bekommen möchten, gibt es hier eine kleine Leseprobe.

Liebe beginnt im Kopf

2014
10.10

von Uta Iwan

Der literarische Herbst 2014 ist angebrochen und bringt uns die Frankfurter Buchmesse mit Ihren vielen Highlights, die Verleihung des Literaturnobelpreises und des Deutschen Buchpreises und rückt wieder einmal den Literaturbetrieb in die Schlagzeilen und das Bewusstsein der Menschen.

Buchhändlerreporterin Uta Iwan

Buchhändlerreporterin Uta Iwan

In Köln feiern wir mit der lit.COLOGNE SPEZIAL unser eigenes rheinisches Bücher-Oktoberfest. Und so freue ich mich diesmal ganz besonders auf den Abend mit Ulla Hahn, die mit dem Rheinland eng verbunden ist und hier quasi ein Heimspiel hat.

Ulla Hahn, Jahrgang 1946, wuchs als Kind einer Arbeiterfamilie in Monheim auf und beschloss, aus dem vorgezeichneten Lebensweg auszubrechen: Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Studium der Germanistik, Soziologie und Geschichte in Köln, Promotion und Lehrtätigkeit, Arbeit als Literaturredakteurin bei Radio Bremen. 1981 debütierte sie als Lyrikerin mit dem Gedichtband “Herz über Kopf” und arbeitet seither als freie Schriftstellerin. 1991 erschien ihr erster Roman und 2001 dann “Das verborgene Wort”, Auftakt einer autobiografisch geprägten Romanfolge um ihr Alter Ego Hilla Palm.

Die Geschichte von Hilla Palm beginnt in der Nachkriegszeit, in der katholisch geprägten rheinländischen Provinz. In den ersten beiden Teilen erzählt Ulla Hahn von der erdrückenden Enge einer streng katholischen Familie, von der rettenden Kraft der Fantasie und von dem Versuch, einen Weg in die eigene Freiheit zu finden. Mit ihrem neuen Roman “Spiel der Zeit” setzt die Geschichte des mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichneten “Das verborgene Wort” und des Nachfolgers “Aufbruch” an der Stelle fort, wo Hilla als junge Studentin den Schritt in das Köln der 68er-Jahre wagt, die Provinz hinter sich lässt, die neuen Freiheiten auskostet und der ersten großen Liebe begegnet.

Ulla Hahn

Ulla Hahn

Heute Abend nun ist Ulla Hahn zu Gast im WDR, um gemeinsam mit der Moderatorin Randi Crott ihr neues Buch vorzustellen. Die Veranstaltung ist ausverkauft – Ulla Hahn hat eine treue Fangemeinde. Und so spitzen wir die Ohren und lauschen andächtig. Viele im Publikum haben diese Zeit selber miterlebt, als die Studenten die Welt zu einer besseren machen wollten. Ulla Hahn alias Hilla Palm erlebte ganz intensiv den Aufbruch einer ganzen Generation und blieb doch skeptisch gegenüber den Träumereien ihrer Mitstudenten, die in einer privilegierten Oberschicht aufgewachsen waren und nun den Klassenkampf ausriefen. Mit viel Humor liest und erzählt Ulla Hahn Episoden aus der rheinischen Form der Revolution, die hier wohl etwas gemütlicher war als anderswo: “Berlin brennt, Köln pennt” hieß es. An ihrer ersten Demonstration nahm sie 1966 teil: von 13.30 Uhr bis 14.30 Uhr wurden die Straßenbahngleise am Rudolfplatz besetzt, weil die KVB die Fahrpreise um 8 Pfennige erhöht hatte.

Ulla Hahn signiert für ihre Gäste

Ulla Hahn signiert für ihre Gäste

“Spiel der Zeit” ist aber auch und hauptsächlich eine Liebesgeschichte: Hilla Palm begegnet in Köln ihrer großen Liebe Hugo. Die beiden finden zueinander durch die gemeinsame Liebe zur Sprache; eine geistige Verbindung entsteht, die von tiefer Zuneigung geprägt ist. An dieser Stelle betont Ulla Hahn im Gespräch, dass es den wahren Hugo nie gab, dass er eine Komposition aus vielen Erfahrungen ist. Vielleicht ein Traumbild? Doch ihre Botschaft ist: Liebe beginnt im Kopf!

Ulla Hahn taucht für ihre Romane ganz tief ein in ihre eigenen Erinnerungen, hat ihre ganz persönliche Geschichte noch einmal durchlebt und einen veränderten Blick auf die Menschen erlangt, die ihre Kindheit und Jugend geprägt haben. Aber sie fügt auch eine dokumentarische Ebene ein: sie hat alles bestens recherchiert und mit Zeitzeugnissen unterlegt. Kunstvoll verwebt sie ihren Text mit eigenen und zitierten Gedichten. Und so entsteht eine prallvolle Prosa, die eine Zeit auferstehen lässt.

Wie im Flug verging der Abend mit den beiden – eine gute Nachricht gibt uns Ulla Hahn noch mit auf den Weg: sie wird weiter schreiben an ihrer und Hillas Geschichte! Eine lange, lange Schlange am Signiertisch zeigt: Ulla Hahn hat uns alle begeistert!

Für alle, die sich die Wartezeit ein wenig verkürzen möchten, findet sich unter der Rubrik Autoren antworten das Interview „Neun Fragen an Ulla Hahn zur lit.COLOGNE SPEZIAL“, in dem es noch mehr über die Schriftstellerin Ulla Hahn, ihre Inspirationsquellen und ganz persönlichen Buchvorlieben zu erfahren gibt.

Rolando Villazón – eine ganz besondere Begegnung

2014
10.09

von Susanne Gey

Lit.Cologne Spezial – das klingt schon nach einem großen Versprechen für besonders interessante Autoren und Begegnungen mit außergewöhnlichen Personen.

Buchhändlerreporterin Susanne Gey

Buchhändlerreporterin Susanne Gey

Den Auftakt zu dieser Reihe machte der weltberühmte Tenor Rolando Villazón: Rolando Villazón ist Mexikaner. Er spricht mehrere Sprachen – darunter auch Deutsch, denn seine österreichischen Großeltern emigrierten während der Nazizeit nach Mexiko und die Großmutter legte großen Wert darauf, dass die Nachkommen etwas über ihre Wurzeln erfahren. Außerdem besuchte er eine deutsche Schule in Mexico Stadt.
Schon als Kind hatte er viele Talente: er malte gerne und hätte sich auch ein Leben als Pflastermaler am Montmartre vorstellen können. Auch Priester wäre eine Option gewesen… Entdeckt wurde er als 12-jähriger, weil er unter der Dusche sang und der Leiter der Akademie für darstellende Künste ihn zufällig hörte. Das war der Grundstein für seine glanzvolle Karriere.
Der gestrige Abend stand ganz im Zeichen seines Buches „Kunststücke“ – auch ein ganz besonderes Buchdebut: Im Mittelpunkt steht der Clown Macolieta, dem im Leben eigentlich nichts Rechtes gelingt. Selbst die Liebe zur Clownin Sandrine traut er sich nicht ihr zu gestehen – und dann ist sie weg… Aber er schreibt ein Buch und erfindet ein Alter Ego: den Clown Balancin, dem alles das gelingt, was seinem Erfinder verwehrt bleibt. Und dann mischen sich plötzlich Dichtung und Realität und alles scheint möglich…
Anne Gesthuysen moderierte den Abend und hatte Mühe ihren lebendigen, vor Witz und Humor sprühenden Gast im Zaum zu halten. Der Unterhaltung zu folgen war ein ganz besonderes Vergnügen, denn mit großem Wortwitz und philosophischen Gedanken erzählte Villazón über die Entstehung seines Buches, zeigte die Notizhefte in mehreren Formen und Farben, in denen er seine Ideen festhält. Alles wirkte ein wenig chaotisch – aber liebenswert. Besonders gelungen war die Showeinlage, als Frau Gesthuysen aus ihrer Handtasche drei Jonglierbälle ihres Sohnes zauberte und der Autor spontan eine Vorführung startete und zum Abschluss und Entsetzen der Moderatorin die Bälle ins Publikum warf. Wie sie das wohl dem Sohn erklärt hat?
Ruhender Pol bei dieser Veranstaltung war Gerd Köster, der die Passagen aus dem Buch vorlas. Aber auch er kam nicht umhin „Yellow Submarine“ von den Beatles vorzutragen – zur großen Freude des Publikums. Und wir hätten gerne mitgesungen…
Nach 90 Minuten war die Lesung zu Ende – habe ich überhaupt geatmet? Wo ist die Zeit geblieben? Es war ein so zauberhafter, magischer Abend wie ich es bei einer Lesung (außer bei Rafik Schami) noch nie erlebt habe. Kaum jemand, der nicht lächelnd den Saal verlassen hat – und die Schlange zum signieren war entsprechend lang.

Rolando Villazón

Rolando Villazón

Und mein persönlicher Albtraum hat auch nicht stattgefunden: ich bin erkältet und träumte ich müsste Husten und könnte nicht aufhören. Und das während der Lesung – wie peinlich!!!
Auch diese Veranstaltung wurde für WDR5 aufgezeichnet – und wer nicht dabei war, kann wenigstens nachhören. Oder sich den Trailer auf Rowohlt.de ansehen – und 4 Minuten lang erahnen, was wir erleben durften!!!

 

 

Neun Fragen an Ulla Hahn zur lit.COLOGNE SPEZIAL

2014
10.07

Was hat Sie dazu bewogen, zu schreiben?

Ulla Hahn: Diesmal stelle ich mit „Spiel der Zeit“ den dritten Teil meiner Hilla-Palm Geschichte vor, eine autobiografisch gefärbte Romanfolge. Hilla lebt nun als Studentin und glücklich verliebt in Köln inmitten der wilden 68-er Jahre. Da gibt es manches zu erleben!

Ulla Hahn © Julia Braun

Ulla Hahn © Julia Braun

Welche Inspirationsquellen haben Sie für Ihre Geschichten?

Ulla Hahn: Die Herausforderung für einen Roman mit autobiografischen Zügen ist die Verschmelzung von Erfahrungen mit Erfindungen. Inspirierend kann da alles sein, vom Foto über alte Schallplatten und Filme bis zum Taschentuch der Großmutter, eben einfach alles.

Was macht für Sie ein gelungenes Buch aus?

Ulla Hahn: Gut ist ein Buch, das mich entwickelt.

Welchen Reiz hat es für Sie, live vor Publikum zu lesen?

Ulla Hahn: Nach langer entschiedener Schreibklausur ist die Begegnung mit meinen Leserinnen und Lesern immer beides zugleich: spannend und entspannen.

Haben Sie einen Lieblingsautor?

Ulla Hahn: Nein, die wechseln schon ein Lese-Lebenlang. In „Spiel der Zeit“ spielen nun der Barockdichter Andreas Gryphius und der amerikanische Dichter Ezra Pound eine Rolle und, wie auch im „Verborgenen Wort“, Friedrich Schiller. Vielleicht doch mein Lieblingsautor.

Wo schreiben Sie am liebsten?

Ulla Hahn: Überall, wo es ruhig, warm und hell ist. Das garantiert mir mein Schreibtisch zu Hause.

Wo lesen Sie am liebsten?

Ulla Hahn: Überall, wo Menschen zusammenkommen, die sich auf meinen Besuch freuen.

Was möchten Sie den Lesern mit Ihren Büchern nahe bringen?

Ulla Hahn: Lebensfreude und Lebensmut.

Elektronisches oder gebundenes Buch – Welches ist Ihr Favorit?

Ulla Hahn: Das gebundene.

Das Warten hat ein Ende: Die lit.COLOGNE SPEZIAL startet am 08. Oktober

2014
09.25

Ein Jahr auf die nächste lit.COLOGNE warten finden Sie zu lange? Wir auch! Zum Glück gibt es die lit.COLOGNE SPEZIAL. Vom 08. bis zum 12. Oktober und zusätzlich am 04. November verkürzt die Spezialausgabe des Kölner Literaturevents allen Leseratten die Wartezeit. Mit hochkarätigen Autoren wie Ulla Hahn, Jan Weiler, Bernhard Schlink sowie Ken Follett und Don Winslow erwartet die Büchernarren ein ausgewogenes und mitreißendes Programm im WDR-Funkhaus, welches ein Best-of der aktuellen Neuerscheinungen darstellt.

Unsere Buchhändlerreporter werden  bei allen Lesungen in der Domstadt vor Ort sein und jeden Abend brandheiß berichten. Außerdem gibt es wieder einige spannende und aufschlussreiche Interviews mit den Gastautoren.

Nun wünschen wir allen Literaturfreunden viel Spaß bei der diesjährigen lit.COLOGNE SPEZIAL und beim Stöbern durch unser Skizzenbuch!

Herzliche Grüße,

Ihr Thalia-Team

Gekommen um zu bleiben… Ein Abend mit Judith Holofernes

2014
03.27

von Janina Laube

Buchhändlerreporterin Janina Laube

Buchhändlerreporterin Janina Laube

Heute, am 22.03.2014, fand nun leider schon meine letzte lit.Cologne-Veranstaltung für dieses Jahr statt. Als großer Wir sind Helden-Fan freute ich mich natürlich besonders auf einen Abend mit Judith Holofernes, an dem sie über das Texten, Musizieren und ihr Leben mit der Musik sprechen sollte.

Pünktlich um 21:00 Uhr betraten nach einer kurzen Vorstellung, Ingo Schmoll, welcher das Gespräch führen sollte, und Judith Holofernes die Bühne des Literaturschiffs.  Wir hörten uns einige alte und auch neue Songausschnitte, u.a. “Nichtsnutz”, “Müssen nur wollen”, “Danke ich hab schon”, von Wir sind Helden bzw. Judiths neuem Solo-Album „Ein leichtes Schwert“ an und im Anschluss wurde der komplette Songtext nochmal ohne Musik, aber im richtigen Rhythmus von ihr vorgetragen.

Sie erzählte, wie sie die Ideen zu ihren Songs bekommt ( im Prinzip war das überall und nirgendwo) und wie sie diese dann zu fertigen Songs zusammenführt. Manchmal sei es gar nicht so einfach, erinnere eher an eine Runde Tetris und dauere manchmal auch seine Weile. Mit der Zeit habe sie zudem gelernt, dass man einen Song nicht warten lassen und nach Möglichkeit immer zu Ende schreiben sollte, auch wenn er dann  vielleicht nicht aufs fertige Album passt.

Anhang 1Inspiriert wird sie durch persönliche Erlebnisse, sowie andere Künstler u.a. Dendemann, Fink und sehr vielen englischsprachigen Musikern. Sie hat einen sehr hohen Anspruch an sich selbst und möchte, dass Ihre Songs die Menschen zum Nachdenken anregen und nach Möglichkeit etwas in ihnen verändern. Auch wenn Ihr mal ein Song nicht so gelingt, gibt Sie nicht auf, denn man müsse sich erlauben auch mal schlechte Songs zu schreiben, sonst könne man keine guten schreiben, erzählt Sie Ingo Schmoll.

Im Anschluss haben wir noch ein paar private Dinge aus dem Leben der Judith Holofernes erfahren. Zum Beispiel, dass sie auf amerikanische Fernsehserien wie “24″, “Homeland”, “30 Rock” und “Downton Abbey” steht und dass Sie J.J. Abrams nach dem Ende von “Lost” nicht mehr ganz so gut leiden kann.

Alles in allem war es ein lehrreicher Abend, mit vielen witzigen Momenten und tollen Gedanken zur Musik und der Welt.

Ein musikalischer Abend

2014
03.25
Buchhändlerreporterin Anja Werner

Buchhändlerreporterin Anja Werner

von Anja Werner

Ich habe mich riesig auf meine finale Lesung mit Ulla Hahn auf dem Literaturschiff gefreut. Als ich einen Tag vorher höre, dass die Autorin wegen Krankheit ausfällt, bin ich zugegeben im ersten Moment geknickt. Aber dann auch neugierig. Svenja Leiber, Autorin des Romans „Das letzte Land“, wird den Abend alleine bestreiten. Sie ist das literarische Patenkind von Ulla Hahn und zum ersten Mal vor so großem Publikum.

Die Schriftstellerin (Jg. 1975) mit norddeutschen Wurzeln erhält sympathische Unterstützung von der Moderatorin und Leiterin Landespolitik Fernsehen des WDR Sabine Scholt. Ihr hat das Buch außerordentlich gut gefallen und sie freut sich, dass der Abend trotz Krankheit stattfindet. Das Schiff legt ab und nach herzlichen Genesungswünschen an Ulla Hahn liest Svenja Leiber eine Passage vor. Sie erzählt von Ruven Preuk, Kind des 20. Jahrhunderts, Musiktalent und Außenseiter. Er wird trotz seines Genies an seiner Zeit scheitern. Svenja Leiber empfindet große Empathie für ihre Figuren, lässt sie aber bittere Zeiten durchmachen. Der Klappentext von „Das letzte Land“ beschreibt den Roman als kapitalen Bildungsroman. Svenja Leiber ist mit dieser Beschreibung überhaupt nicht glücklich und sieht das Buch selbst als Entwicklungsroman. Es ist wie ein Musikstück geschrieben, voller Tempowechsel und einer lyrischen Erzählweise, die ihren Figuren oft karge Worte in den Mund legt. Das führt zu sehr erheiternden Szenen und ich möchte den Roman unbedingt lesen. Zudem mag ich die Sichtweise von Svenja Leiber auf die Welt.

Die Fahrt des Schiffes endet etwas früher als gewohnt, aber der Verlauf des Abends war ja ursprünglich auch anders geplant. Svenja Leiber hat ihre Sache großartig gemacht und ich würde jederzeit wieder zu einer Solo Lesung gehen…

 

We’re going to have some fun tonight

2014
03.21

von Uta Iwan

Buchhändlerreporterin Uta Iwan

Buchhändlerreporterin Uta Iwan

Was bin ich für ein Glückspilz! Im allerschönsten Sonnenschein am Rhein entlang zum Literaturschiff schlendern, fix den Büchertisch aufbauen für den Abend mit Anthony McCarten und dann mit den hereinströmenden Gästen des heutigen Abends überlegen, welches seiner Bücher wohl das Beste sei und warum es von seinem neuen Buch funny girl schon die deutsche Übersetzung, aber noch keine englische Ausgabe gibt. Freudige Erwartung allüberall.

Die Sonne neigt sich über die Dächer der Stadt, als die MS RheinEnergie ablegt. Das Spiel beginnt. Werner Köhler proudly presents: Anthony McCarten, 1961 unter einem Vulkan geboren in Neuseeland, Mitverfasser des legendären Theaterhits “Ladies Night”, Autor so erfolgreicher Bücher wie “Super Hero” und “Englischer Harem”. Rufus Beck, beliebter Schauspieler und begnadeter Hörbuchsprecher, hat nicht nur alle Harry Potter Bücher eingelesen, sondern auch alle Bücher von McCarten und viele andere Hörbücher, “The Voice jr.” sozusagen. Angela Spizig, Bürgermeisterin der Stadt Köln mit den Schwerpunkten Kultur und Medien, moderiert und übersetzt seit Beginn für die lit.Cologne.

Angela Spizig möchte ganz klassisch mit einer kleinen Einführung samt Vorstellung der illustren Gäste beginnen, aber McCarten hat einen anderen Plan: “Let us begin with a Joke”. Gesagt, getan, und schon hat er alle Herzen an Bord erobert. Er spricht ein vorzüglich zu verstehendes Englisch, hat eine sympathische Stimme und sein verschmitzter, etwas trockener Humor fesselt uns von der ersten Sekunde. Seine Theorie des Witzes, wie sie in seinem Buch von der “Comedy-Lehrerin” Kirsten Kole vorgetragen wird: “Ein guter Witz verwandelt uns aus dem Stand in eine Familie. Bei einem guten Witz gehören wir alle dazu – das ist das einzigartige Privileg, das uns gute Witze bescheren. Sie schweißen uns zusammen, sorgen dafür, dass wir uns ein bisschen weniger allein fühlen, weniger hoffnungslos, ein bisschen besser verstanden. ”

Rufus Beck verrät uns nun, was ihn an McCartens Büchern so fasziniert: Er erzählt Geschichten voll großer Tragik und gleichzeitig gibt es immer auch komische Elemente. Und er schenkt dem Leser immer ein tröstliches Ende. Das Publikum wird ungeduldig: Keine weiteren Erläuterungen mehr, jetzt wollen wir endlich was hören! Rufus Beck soll endlich was vorlesen!

McCarten 2aUnd schon sind wir mittendrin in der Geschichte der schüchternen Azime, 20, Kurdin, in London aufgewachsen und gefangen in einer Kultur zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne. In ihrer Welt gibt es klare Regeln, wie sie zu sein hat und was sie darf. Doch Azime funktioniert nicht so, wie Ihre Familie sich das vorstellt: Ihre Mutter gibt viel Geld für einen Heiratsvermittler aus, doch Azime nutzt ihr komödiantisches Talent, um die Kandidaten in die Flucht zu schlagen. Ihre kurdische Schulfreundin verliebt sich und fällt aus dem 8. Stock auf die Straße. Ein Unfall? Azime beginnt nachzuforschen. Als dann kurz darauf Terroranschläge in der U-Bahn Hunderte Opfer fordern, spürt sie, dass sie ihre Stimme erheben muss, dass sie ihr Talent, “komisch” zu sein, nutzen muss. Heimlich besucht sie einen Comedy-Kurs, schlüpft in eine Burka und tritt auf: als weltweit erste muslimische Komikerin. Der Auftritt ist wie Sprengstoff. Was sie sagt, tut immer auch ein bisschen weh, trifft aber mitten in’s Herz ihrer Zuhörer. Ihre Familie verstößt sie, die englische Presse feiert sie als Sensation, sie erhält Morddrohungen. Und doch macht sie ihren Weg auf die Bühne des Lebens.

Gebannt lauschen wir den Passagen, die Rufus Beck uns zu Gehör bringt.  Dann berichtet  McCarten von einem ungeheuerlichen Fall aus Kanada, bei dem ein muslimisches Mädchen aus Gründen der Familienehre von ihrem eigenen Vater ermordet wurde. Und über die Zeit des großen Mißtrauens, als 2005 in London mehrere Bombenanschläge die Menschen in Angst und Schrecken versetzten. Diese Ereignisse inspirierten ihn zu der Geschichte um Azime, die uns Hoffnung geben will, mit der Welt in aller ihrer Schönheit und Schrecklichkeit zurecht zu kommen. Er sieht den Humor als große Chance auf Versöhnung und beiderseitigem Verstehen, als verbindendes Element zwischen den Kulturen. Sein Buch ist auch eine Hommage an die großen englischsprachigen Comedians, die er mehrfach zitiert.

Blick aus dem Literaturschiff auf den Kölner Dom

Blick aus dem Literaturschiff auf den Kölner Dom

Angela Spizig versucht immer wieder, den Abend in geregelte Bahnen zu lenken, aber zum Ende geht das Temperament mit den beiden durch: McCarten und Beck liefern sich einen formidablen Witze-Wettstreit und das Publikum johlt vor Vergnügen. Was für ein verrückter, bezaubernder Abend! Ganz großes Theater!

Auf dem Heimweg summe ich ein kölsches Lied vor mich hin. Weiß nicht warum, es kam mir so in den Kopf: Denn die Träne die do laachs muß de net kriesche… Danke, lit.Cologne, für dieses wunderbare Literaturfestival!

 

 

“In der Nacht” auf dem Schiff mit Dennis Lehane

2014
03.21

von Moritz Revermann

Buchhändlerreporter Moritz Revermann

Buchhändlerreporter Moritz Revermann

Dennis Lehane – wow, einer der Helden meines persönlichen Krimiolymps, zu dem noch Robert Crais, Joe R. Lansdale und Michael Connelly gehören. Einer aus dem vierblättrigen Kleeblatt und dann noch irischer Abstammung, die auch in seinen Romanen immer wieder betont wird. Endlich durfte ich ihn mal live erleben. Und das Ganze auf der MS RheinEnergie, meinem Lieblingsveranstaltungsort der lit.Cologne. Flankiert wurde er von Dominic Raacke, der die deutschen Passagen wirklich großartig und perfekt moduliert las und dem lit.Cologne-Urgestein und genialen Übersetzer Bernhard Robben, der punktgenau, trocken und intelligent moderierte.

In der Nacht,  bei Diogenes erschienen, nachdem sich bei Ullstein nicht der große Durchbruch in Deutschland einstellen wollte, ist ein Gangster-Epos, das in den Roaring Twenties spielt, dessen Held ein Rum-Schmuggler ist und der sich in die falsche Frau verliebt – oder auch nicht (das finden Sie mal schön selbst heraus!). Für Lehane ist diese Zeit ein perfektes Setting, eine coole Zeit, bestimmt durch die Prohibition, die den Alkoholkonsum in Amerika nicht verringerte, sondern, ganz im Gegenteil, verdoppelte. Eine spannende, verrückte Zeit, sagt Lehane. Trinken, Rauchen, Tanzen und vor allem der Swing und der Jazz prägen diese Zeit, die einfach mit die coolste in Amerikas Geschichte ist. Und cool sind Lehanes Figuren zumeist, gleichzeitig aber auch komplexe oder gebrochene Gestalten.

LehaneLehanes Bücher sind allesamt Krimis, gleichzeitig aber immer auch Familienromane mit starken Vaterfiguren. Sein eigener Vater, ein einfacher Arbeiter der alten Schule, streng, aber auf seine Art auch liebevoll, nahm den jungen Dennis schon früh mit in die Kneipen des Lehanschen Viertels in Boston. Dort wurden fast wettbewerbsmäßig Geschichten erzählt, jeder versuchte, den anderen zu übertrumpfen und wer schlecht erzählte, wurde gnadenlos von der Bühne gepfiffen und ausgebuht. Eine gute Schule für den Schriftsteller Lehane, der dort lernte, pointierte Dialoge zu verfassen. Wie gut er das kann, sieht man auch an den Drehbüchern zu den Filmen zweier seiner Bücher, von denen Shutter Island mit Leonardo DiCaprio sicherlich der bekannteste ist. 

DSCF2511Dieser Abend auf der RheinEnergie hat Dennis Lehane sicherlich neue Leser beschert, wurde doch durch die Textpassagen an sich und spätestens durch die spannende Unterhaltung zwischen Robben und Lehane schnell klar, dass es sich hier nicht um einen 08/15 Krimischreiber handelt, sondern um einen, der sein (literarisches) Handwerk versteht, wenn nicht gar einer der ganz großen des literarischen Kriminalromans ist. Dank an die lit., diesen doch in Deutschland eher noch unbekannten Autoren über den großen Teich gelockt zu haben. Viele werden wieder eine Perle im Meer der Flut an neuen Büchern entdeckt haben. So gehet hin und leset. Viel Freude!

 

 

 

Die Wüste, Damaskus und die etwas andere Lesung

2014
03.21

von Susanne Gey

Buchhändlerreporterin Susanne Gey

Buchhändlerreporterin Susanne Gey

Alle Lesungen, die ich in den letzten Tagen besucht habe, waren Wunschveranstaltungen. Aber keine habe ich mir so sehr gewünscht wie diese: die Veranstaltung mit Rafik Schami! Als Azubi (Ende der 70er Jahre) habe ich eines seiner ersten Bücher gelesen. Wie ein „Rattenfänger“ hat mich dieser Mann mit seiner unvergleichlichen Erzählkunst in seinen Bann geschlagen. 35 Jahre habe ich auf diese Lesung gewartet und ich wurde nicht enttäuscht.

Diesmal begleitete mich meine Kollegin Jennifer Vignol. Genau wie im letzten Jahr waren wir wieder viel zu früh in Köln – und das besagte Kerzchen im Dom war natürlich Pflichtprogramm. Ob es hilft wissen wir nicht – aber schaden kann es ja auch nicht. Und so ein Rundgang durch diese Kathedrale ist für uns auch ein Abstreifen des Alltags. Wir kommen zur Ruhe und freuen uns umso mehr auf die kommende Veranstaltung.

Damit uns aber nicht vor Hunger der Magen knurrt, haben wir uns im Funkhaus-Café erst mal gestärkt. Das muß man gesehen haben: eine Bar im Stil der 50er Jahre mit einer kleinen, feinen Speisekarte, dezenter Jazzmusik und sehr freundlichem Personal. Da würde man gerne im Cocktailkleid (natürlich mit Petticoat) sitzen. Satt und zufrieden sind wir dann die drei Schritte zum Klaus von Bismarck Saal gegangen. Die freundlichen Herren vom letzten Mal nahmen uns wieder in Empfang und schwupps saßen wir auf unseren sehr guten Plätzen und dann ging es auch schon los:

Rafik Schami betrat die Bühne – und wurde mit minutenlangem Applaus begrüßt, worüber er sich sichtlich freute. Da die Veranstaltung als „Erzählexperiment“ ausgewiesen war, wussten wir schon, dass es keine übliche Lesung wird. Nein, viel besser: Wir machten einen Spaziergang durch Damaskus und die arabische Kultur. Wir lernten die Wüste vor der Stadt kennen, die in allen Variationen von Gelb leuchtet – aber überleben kann man dort als Individuum nicht. Deshalb ist man in Sippen organisiert, deren kleinste Form die Familie ist, und deren Oberhaupt immer ein Scheich ist. Absoluter Gehorsam ist überlebenswichtig. Wer aus der Reihe tanzt gefährdet die ganze Sippe – im Gegensatz zu uns Europäern, die wir als Individuen überleben können. Die Wüste ist immer gleich, bei uns wechselt die Landschaft alle paar Kilometer. Das schulte das europäische Auge für die Malerei. Dafür haben die muslimischen Länder sehr früh die Schrift entwickelt. Variationen von Gelb mit und ohne Palme sind auf die Dauer nicht befriedigend und das Fehlen der Malerei hat gar nichts mit dem Islam zu tun. Hätten Sie das gewusst? Damaskus hat sieben Stadttore und war von Alexander dem Großen nach einem Erdbeben auf griechische Art neu aufgebaut worden: gerade Linien durchzogen die Stadt. Die Griechen als Erfinder der Logik lieben das Geradlinige – wie z.B. ihre antike Säulen. Arabern ist das eher suspekt und so veränderte sich die Stadt wieder in einen Traum aus 1001er Nacht.

Wir begegneten dem liebenswerten Gemüsehändler, dem gefürchteten Pater Johannes und der Familie des Autors. Man konnte eine Stecknadel fallen hören im ausverkauften Saal, unterbrochen nur vom Szenenapplaus und unseren Lachern. Die Zeit flog viel zu schnell vorbei und als Zugabe gab es noch die Geschichte vom Nudelsalat. Strahlend verließ der Autor anschließend die Bühne, der Saal stand Kopf und der Applaus wollte nicht enden. Wer neugierig geworden ist, kann die Veranstaltung im WDR5 Programm nachhören, sie wurde dafür aufgezeichnet und wird im Juli gesendet. Den genauen Termin kann man beim Sender erfragen.

Rafik Schami

Rafik Schami

Die „Signierschlange“ schien auch diesmal endlos – aber wir waren clever: Jennifer Vignol holte unsere Sachen von der Garderobe und ich stellte mich schon mal zum signieren an. Und plötzlich war ich wieder 13. Mit Herzklopfen habe ich mein Buch zum signieren hin gehalten und meinem Lieblingserzähler gesagt, dass ich vor 35 Jahren… Ich blickte in die freundlichsten Augen meines Lebens und natürlich durfte ich auch ein Photo machen. Nein, ich musste sogar zwei machen – er bestand darauf. Ich war augenscheinlich so aus dem Häuschen, das ich die Aufnahme verwackelt habe.

Ich könnte noch stundenlang von diesem Autoren erzählen, der Literaturpreise ohne Ende bekommen hat, der sich für seine erste Heimat Syrien einsetzt, der ein Mittler zwischen den Kulturen ist – aber hinter mir geht eine blutrote Frühlingssonne auf, die hier in das Zimmer leuchtet. Nun heißt es zurück in den Alltag zu finden.

Dies war mein letzter Bericht von der lit.Cologne 2014 und ich bin ein wenig traurig, dass es schon vorbei ist. Aber ich möchte mich an dieser Stelle auch bei den „guten Geistern“ im Hintergrund bedanken, die uns Thalia-Reportern diese Veranstaltungen und Reportagen ermöglicht haben.

Vielen Dank

Susanne Gey

P.S. Und natürlich hat Rafik Schami Platz für seinen Schaukelstuhl in meinem Herzen. Und nicht nur in meinem…