Von Leif Randt
„Ich kann nicht behaupten, dass ich mir selbst gegenüber jetzt nicht leicht verbittert wäre.“ –
Thalia-Nachwuchsautor, 20. März 2010, 3 Uhr 34, Großraum Köln, zusammengesunken auf einem Beifahrersitz.
Ich beuge mich umständlich vors Mikrophon, weil ich nicht souverän genug bin, um es aus der Halterung zu nehmen. Gekrümmt sitze ich da, vom Licht geblendet. Dem Publikum wurden zweihundert weiße Plastikhände bereitgelegt, die laut klappern, wenn man sie schwingt. Das Klappern mit den Händen scheint allen Zuschauern großen Spaß zu machen, vor und nach jedem Auftritt entsteht kaltes Applausrauschen. Der Moderator stellt mir verschiedene Fragen, die ich durchweg als problematisch empfinde: „Warum spielt dein Buch in einem Friseursalon?“ (Antwort-Option: Weil damals in London eines Nachts auf meiner Straße in einem engen Barber-Salon getanzt wurde. Und weil Frisuren Identität stiften.) – „Warum ist ein Drehbuch mit eingebaut?“ (Option: Weil es die Ästhetik der Hauptfiguren spiegelt, ihre Sozialisation über High-School-TV-Serien, Superheldencomics und Kamerafahrten.) „Warum London, Maintal, Wallis, Warschau?“ (London als Pop-Klassiker; Maintal als bürgerliche Heimat; Warschau als Versprechen; das Schweizer Wallis als idyllisches Gletscher-Skigebiet im späten Juni.) Während ich dort oben auf der hölzernen Bühne sitze, kommt es mir vor, als wollte ich meinen Text unter keinen Umständen erklären. Also meide ich Antworten, greife mir ins Haar und gebe mich genervt. Helene Hegemann wirkt im Anschluss auch nicht sehr gut vorbereitet, aber zumindest routiniert. Ulrike Almut Sandig liest die erste Geschichte aus ihrem Erzählungsband vor, zum Beantworten der Moderatorfragen nimmt sie das Mikrophon aus der Halterung und lehnt sich zurück. Dass sie am Ende den ersten Preis bekommt, ist irgendwie fair.
„Als Autor wäre es deine Aufgabe, zu markieren, welche Zugänge zu deinem Text du für sinnvoll hältst. Stattdessen bist du in kindische Plattitüden ausgewichen und hast blockiert.“ – Silberschweinpreis-Moderator, 20. März 2010, 00 Uhr 11, Stadtgarten-OpenAir-Area, gestikulierend neben einem Heizpilz.
Drei Stunden später stehe ich angetrunken im Schokoladenmuseum und halte rund zwanzig Getränkebons in der Hand. Jugendliche Chauffeure haben die drei Silberschwein-Autoren zusammen mit all ihren Freunden vom Stadtgarten hier her gefahren. Ich gehe davon aus, dass ich meinen bislang desolatesten Auftritt absolviert habe. Manche bestätigen das sofort, andere bestätigen es später, sie alle haben wiederholt leere Kölschgläser vor sich stehen. Auf meinem Rücken sitzt ein roter Kunststoffrucksack, der mit dem Wort RheinEnergie bedruckt ist. Ich habe den Rucksack zusammen mit dem mittleren Silberschwein als Werbegeschenk gewonnen und ihn dann mit Flaschenbieren aus dem Backstage gefüllt. Ich denke unsinnige Sachen, zum Beispiel: Wenigstens einige der Biere hätten zu Bruch gehen sollen. Oder: An der Organisation des Festivals kann das alles nicht gelegen haben, die LitCologne kleckert nicht, sie glänzt. Vielleicht ist aber dieser Stadtgarten ein teuflischer Ort, vielleicht die Mutter aller Negativspiralen. In der Realität des Abends stehen die leeren Backstage-Bierflaschen zu einer Altglasgruppe zusammengeschoben am Straßenrand vor dem Schokoladenmuseum. Margret Atwood hält sich als würdevolle Dame im Eingangsbereich auf. Patti Smith ist längst gegangen. Hinter dem Panoramafenster fließt der Rhein und an den Tischen werden Zigaretten geraucht. Es dampft aus Tobi, Helene, Dominik, es dampft aus Simon, Martin, Stephan, es dampft aus den meisten. Leicht pampig male ich eine Blume in das Gästebuch des Festival-Cafés und schreibe: „Ein Debakel. But we’re still having fun.“ Der Fahrservice steht uns mit seinen AudiA8-Wagen noch bis zwei Uhr nachts zur Verfügung. Die sympathischen Mädchen aus dem LitCologne-Team kommen regelmäßig vorbei und fragen, ob jemand einen Wagen braucht. Wir verschieben das Mitfahren bis es zu spät ist für die Chauffeure und lassen uns dann per Taxigutschein von einer Kölner Tanzparty zu einer nächsten Kölner Tanzparty bringen. Zuletzt sitzen wir in einem Burger King und werfen Fritten in den Raum. Im grellen Licht der Fast-Food-Filiale helfen uns die Getränkebons der LitCologne nicht mehr weiter. „Don’t worry. Der Abend wird sich bald relativieren“, sagt ein Freund. Ich nicke skeptisch und beiße in ein Tendercrisp-Chicken-Sandwich.
Am Vormittag des 20. März ist es unangemessen schwül im Hotelzimmer, nasser Frühlingsdunst hängt über Köln. Vor der Tür parken tatsächlich Autogrammsammler, echte Profis, die sich zu Helene in Innere des Hotels schmuggeln wollen. Zuhause werde ich die druckvolle Dusche aus Zimmer 302 sehr vermissen, denke ich, als ich mit trocken geföhntem Haar zum letzten Mal in einem der AudiA8-Wagen sitze. Der Chauffeur stellt nette Fragen, er weiß zum Glück nichts über den Silberschweinpreis, er fährt mich zum Dom, ich verlasse die Stadt.
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