Zeruya Shalev – Ergreifende Geschichten aus dem Leben

2012
03.23

Buchhändlerreporterin Uta Iwan

von Uta Iwan

Donnerstag Abend, den 22. März, im Schauspielhaus in Köln. Die Menschen – zum größten Teil weibliche – strömen ins Foyer. Ob sie genauso aufgeregt sind wie ich? Denn für mich ist es ein ganz besonderer Abend: meine Allzeit-Lieblingsschriftstellerin ist in der Stadt, ich werde ihr und der Schauspielerin Maria Schrader lauschen und darf sogar im Thalia-Skizzenbuch davon berichten!

Zeruya Shalev, 1959 in Israel in einem Kibbuz geboren und aufgewachsen, lebt und schreibt in Jerusalem. Bei derlit.COLOGNE ist sie in diesem Jahr bereits zum dritten Mal zu Gast. Mit ihren drei Romanen “Liebesleben”, “Mann und Frau” und “Späte Familie” hat sie einen großen Bogen gespannt, der drei wichtige Lebensabschnitte meisterlich erzählt.

Autorin Zeruya Shalev und Schauspielerin Maria Schrader

In ihrem neuen Werk “Für den Rest des Lebens” erzählt die israelische Autorin nun von den Wünschen und Sehnsüchten, Enttäuschungen und Bitterkeiten, die uns in der zweiten Lebenshälfte bewegen. Doch wir erfahren auch von der großen Chance, das Glück doch noch zu finden, wenn wir an die Liebe glauben.

Es ist die Geschichte von Chemda, die alt und bettlägerig tief in ihre Erinnerungen eintaucht. Sie denkt an ihre Kindheit im Kibbuz, an ihre Ehe und an ihre Kinder, von denen sie eins zu sehr und das andere zu wenig liebte. Ihr Sohn Avner hat sich zu einem Mann entwickelt, dessen Erfolg als Anwalt ihn nicht von seiner tiefen Verbitterung erlösen kann. Er verfällt einer geheimnisvollen Frau und stürzt sich in eine stürmische Affäre.
Chemdas Tochter erträgt den Ablösungsprozess ihrer eigenen, zärtlich geliebten Tochter nicht. Als diese sich immer weiter von ihr entfernt, entsteht in ihr das mächtige Verlangen, ein Kind zu adoptieren und noch einmal Mutter sein zu dürfen.
Zeruya Shalev erzählt von den Kräften zwischen Eltern und Kindern. Von Wut, Enttäuschung und Sehnsucht, von Verletzungen und Liebe und davon, wie sich Familienbande als stärker erweisen als alles, was uns auseinander treibt.

Zeruya Shalev schreibt wieder in ihrer einzigartigen Weise: die inneren Monologe der Protagonisten formen Ketten, sie spürt dem Gedankenfluss nach in scheinbar endlosen Haupt- und Nebensätzen, setzt selten einen Punkt, viele Kommata gliedern die verschachtelten Überlegungen. Das habe ich immer an ihr bewundert: sie kriecht unter die Haut, sie enthüllt unsere geheimsten Wünsche und Sehnsüchte.

Autorin Zeruya Shalev und Buchhändlerreporterin Uta Iwan

An diesem Abend dürfen wir sie ein klein wenig bei ihrer Arbeit begleiten: Maria Schrader interviewt sie sensibel und klug. So erzählt uns die Schriftstellerin, wie sehr sie mit ihren Figuren leidet. Einmal musste sie ganz furchtbar weinen über das Unglück ihrer Romanfigur, als ihr Sohn nach Hause kam. Er war ganz besorgt und fragte sie, was denn los sei. Als sie es ihm erzählte, antwortete er: “You are the Author, you can make her happy!” Sie erklärte, dass das so einfach nicht ginge, dass die Figuren einen schmerzhaften Prozess durchlaufen müssen, bevor sie – vielleicht – gerettet werden können.

“Für den Rest des Lebens” bezeichnet sie als ihren “most optimistic, most romantic” Roman.

Nach diesem ergreifenden Gespräch liest nun die zauberhafte Maria Schrader lange Abschnitte aus dem Buch. Mucksmäuschenstill ist es im Publikum. Ihre Stimme passt wunderbar zum Text, sie verzaubert uns, lässt uns tief in die Geschehnisse eintauchen. Man spürt ihre Nähe zum Text und zu der Autorin. Maria Schrader, die das Drehbuch zur Verfilmung von “Liebesleben” schrieb, ist auch die Stimme des Hörbuchs.

Die Schlangen am Signierpult sind lang, die Gäste sind wie ich beeindruckt und gefangen von der Intensität des Vortrags. Ein gelungener Abend geht zu Ende und ich spüre noch lange den Nachklang in mir.

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