von Uta Iwan
Mein dritter lit.COLOGNE-Abend in Folge führt mich und meine Kolleginnen heute wieder ins Schauspielhaus. Die freundlichen Mitarbeiter begrüssen uns schon wie alte Bekannte, als wir mit unseren Bücherkisten auftauchen (Einen ganz lieben Dank an dieser Stelle für die tolle Zusammenarbeit, auch an die Leute von der lit!).
Heute abend ist unser Büchertisch besonders reich gedeckt: William Boyd ist Autor von insgesamt 17 Büchern und sein neuestes Werk “Eine große Zeit” ist gerade in Deutschland erschienen.
William Boyd, Sohn schottischer Eltern, verbrachte seine Kindheit in Ghana, studierte in Nizza, Glasgow und Oxford, arbeitete dort als Dozent und veröffentlichte Anfang der 80er Jahre sein erstes Buch. Seitdem hat er Romane, Erzählungen sowie Drehbücher für Film und Fernsehen geschrieben. 2005 wurde Boyd zum “Commander of the British Empire” ernannt. Er lebt mit seiner Frau abwechselnd in London und in Südfrankreich.
Durch den Abend führt uns Bernhard Robben, der viele Boyd-Romane übersetzte. Aus dem Buch lesen wird der Schauspieler Jan-Gregor Kremp, den wir aus “Polizeiruf 110″ und dem “Tatort” und vielen anderen Filmen kennen.
Wieder ist das Schauspielhaus ausverkauft – die lit.COLOGNE und ihr hochkarätiges Programm bewegen eine ganze Stadt, eine Region!
Und jetzt geht’s endlich los. Bernhard Robben gibt eine kurze Einführung in das neue Buch: Wir befinden uns in Wien im Jahre 1913. Der junge englische Schauspieler Lysander Rief begibt sich wegen eines sehr heiklen Problems dorthin: er will einen Psychotherapeuten aufsuchen, der ihn von seiner Anorgasmie heilen soll.
Freud scheidet für ihn wegen der fremden Sprache aus und so begibt er sich zu Dr. Bensimon, der einen ganz eigenen Therapieansatz entwickelt hat. Dort begegnet Lysander der betörenden Hettie Bull, die ihn in das ausschweifende Wiener Künstlerleben einführt und ihm gehörig den Kopf verdreht. Am Ende dieser Affäre bleibt ihm nur die Flucht aus Wien. Er gerät in die Fänge zweier britischer Agenten und nun wandelt sich die Liebesgeschichte in ein Agentenabenteuer.
Im folgenden Gespräch erfahren wir vieles über die Ideenwelt Boyds. Er ist ein exzellenter Kenner der europäischen Kulturgeschichte und ein penibler Rechercheur, aber auch ein Meister der literarischen Erfindung. So versucht Robben im Gespräch herauszufinden, was ist fiktiv, was ist historisch im Roman? William Boyd antwortet bereitwillig und verschmitzt, immer gibt es einen Unterstrom schwarzen Humors. Sein Englisch ist ein Hochgenuss; ich mache mir Notizen in Englisch, weil ich seine Formulierungen so wunderbar finde. “There are moments of glee” beim Schreiben, er sei ein “serious comic writer”.
Wenn er mittels einer Zeitmaschine in dieses Wien versetzt werden könne, wen würde er gerne treffen, fragt ihn Robben. Die Antwort: Egon Schiele, Ludwig Wittgenstein und Sigmund Freud (“if only to tell him some of my problems”). Was fasziniert ihn so am Thema Spionage, das in vielen seiner Romane zentrales Thema ist? Das Spiel der Identitäten, die Frage “Who am I”, der Verlust jeglichen Vertrauens, der Verrat. Boyd befindet sich da in illustrer Gesellschaft: Auch Joseph Conrad, Graham Greene, Ian McEwan, John Banville schrieben Agentenromane.
Ein weiteres wichtiges Motiv in seinen Büchern ist das Thema Erinnerung. Dr. Bensimon erfindet im Buch eine neue Therapie: den “Parallelism”. Der Patient ersetzt in seiner Vorstellung ein traumatisches Erlebnis durch ein erdachtes positives, bis die Erinnerung die wahre Begebenheit vollkomen ausgelöscht und überschrieben hat.
Wie schön, wenn’s funktionieren würde! Aber auch so ist unser Gedächtnis trügerisch, es gaukelt uns Dinge vor, die ganz anders passiert sind. Aus diesem Grund schreibt Boyd ständig Tagebuch: um seine eigenen Erinnerungslügen zu entlarven.
Sie merken schon, lieber Leser, liebe Leserin: ein hochinteressanter Abend. Ich hätte noch Stunden zuhören können! Auch die Passagen, die Jan-Gregor Kremp ganz hervorragend vorgelesen hat, machten neugierig auf das ganze Buch. Viel zu schnell ging der Abend zu Ende. Viele kauften dann auch rasch das neue Buch an unserem Büchertisch, um es sich vom gutgelaunten Boyd persönlich signieren zu lassen. Fest steht: dieser Abend war ein Hochgenuss!



