2) Buchhändlerreporter

Der Berg ruft – wen ruft er denn?


2012
03.22

Buchhändlerreporterin Uta Iwan

von Uta Iwan

Auftritt: drei gestandene Herren im schwarzen Anzug sowie drei Alphörner. Und schon geht’s los. „Alpcologne“ bläst uns was…
Die Luft vibriert. Leichte Gänsehaut, dann fangen die Knie an im Takt zu wippen. Das habe ich so noch nicht gehört: Spielen die wirklich einen Chachacha? Ein toller Einstieg in den alpinen Abend der lit.COLOGNE!

Edmund LaBonté begrüßt das buntgemischte Publikum im Tanzbrunnen sehr launig; der Saal ist voll. Er stellt gleich klar, warum wir Rheinländer so große Kompetenz beim Thema Berge haben: Immerhin ist der Drachenfels der meist bestiegene Berg Deutschlands!
Auch der Moderator des heutigen Abends ist vom Fach: Martin Stankowski kommt aus dem „Land der tausend Berge“: er ist Sauerländer.

Moderator Martin Stankowski, Kabarettist und Autor Konrad Beikircher und Schriftstellerin Brigitte Kronauer

Zu Gast sind die Schriftstellerin Brigitte Kronauer, Büchner-Preisträgerin und – na klar – Norddeutsche, leidenschaftliche Alpenreisende, aber spätberufen, und Konrad Beikircher, der stammt nun wirklich aus Südtirol und weiß alles über die Geschichte des alpinen Lebens.

Es entwickelt sich ein amüsantes, hochkarätiges Dreiergespräch über die Faszination der Berge und diejenigen, die ihr erlegen sind. Wir hören von Luis Trenker und Ludwig Ganghofer, von Reinhold Messner und Gerlinde Kaltenbrunner. Aber auch die einfachen Alpenbewohner finden Erwähnung: ihre jahrhundertelange Abgeschiedenheit in großer Armut, ihre Angst vor den Tobelgeistern und der manchmal zerstörerischen Gewalt der Natur.

Während Beikircher selbst die Berge in seiner Jugend als reine Blickhinderer empfand, waren sie für Brigitte Kronauer lange allenfalls ein lästiges Hindernis auf dem Weg zum Mittelmeer. Erst bei einer Autofahrt über den Gotthard-Pass infizierte sie sich mit dem „Bergvirus“. Heute haben viele ihrer Romane die Alpenwelt zur Kulisse und auch als Thema.

Eine Band der anderen Art: Alpcologne

Vorgelesen wird natürlich auch an diesem Abend: Zunächst trägt uns Beikircher Goethe vor: „Im Anfang waren die Berge…“, mit einigen Anmerkungen der heiteren Art seitens des Vortragenden. Später dann zitiert er aus dem ersten Bergsteigerbericht der Weltliteratur: Petraca beschreibt im 14. Jahrhundert seinen Aufstieg zum Gipfel des Mont Ventoux.
Im Anschluss liest Brigitte Kronauer aus ihrem neuen (noch nicht fertiggestellten) Buch. Ein sprachlicher Genuß, und auch hier kann man sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

In den folgenden Auftritten von „Alpcologne“ kommt zu den Alphörnern noch eine temperentvolle Sängerin dazu: Ich bin begeistert!

Und so neigt sich ein unterhaltsamer Abend dem Ende zu. Was bleibt: die Sehnsucht nach den Bergen, denn sie sind wahrhaft Orte der Freiheit und der Schönheit; sie begeistern uns immer wieder mit der schieren Wucht ihrer Existenz.

 

Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer zu Gast bei der „lit.COLOGNE“


2012
03.22

Buchhändlerreporterin Alexandra Gerhard

von Alexandra Gerhard

Heute Abend also werde ich ihn live erleben, den Literaturnobelpreisträger des Jahres 2011, und ich muss sagen, das Ganze erscheint mir immer noch sehr unwirklich. Denn wann hat man schon diese Chance? Nobelpreisträger sind doch irgendwie keine realen Personen in unserer, insbesondere meinem kleinen Kosmos, sie sind illustre Figuren, von der ganzen Welt geachtet und geehrt. Und das ist es auch Transströmer kennen zu lernen – eine Ehre.

Sichtlich bewegt wird demnach sein Erscheinen von lit.COLOGNE Gründer Werner Köhler angekündigt. Durch den Abend führt Michael Krüger, seines Zeichens Verleger beim Hanser Verlag, und Hanns Grössel, WDR-Redakteur und seit langem Übersetzer von Transströmers Texten und Gedichten. Man wird im Laufe der Veranstaltung merken, dass die drei Männer mehr verbindet als nur ein kollegiales Arbeitsverhältnis, zu offensichtlich ist ihre Freundschaft und Zuneigung.

Hanns Grössel, Michael Krüger, Monica und Tomas Tranströmer

Tranströmer wird begleitet von seiner Frau Monica. Seit einem Schlaganfall sitzt er im Rollstuhl und kann nur noch bedingt sprechen. Das erscheint mir besonders tragisch für einen Mann, dessen künstlerische Ausdrucksform immer die Sprache war. Dann kommt er, und obwohl doch so eingeschränkt, ist seine Stärke und seine Ausstrahlung fast greifbar, als er seinen Blick über das Publikum schweifen lässt.

Und schon beim Auftakt – von Tragik keine Spur. Krüger, sein „Sprachrohr“ schildert kurzweilig den Augenblick der Verleihung in Stockholm („Der König hatte sehr gute Laune, weil er mal nicht Englisch sprechen musste“)…Wie vielseitig dieser schwedische Lyriker ist! Nicht nur auch ausgebildeter Psychologe (seine zahlreichen psychologischen Gutachten sind allerdings unter Verschluss und werden wohl niemals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden), er ist auch ein virtuoser Pianist, sogar eine CD von ihm ist erschienen. Im Laufe des Abends wird von ihm ein gespieltes Stück zu hören sein – ich glaube, wir bedauern es alle, dass er es nicht mehr selber vortragen kann.

Krüger liest aus dem Band „Erinnerungen“, wo wir einiges über die Kindheit des Schweden in Stockholm erfahren, das Publikum im ausverkauften Schauspielhaus lauscht gebannt. Als eins der bekanntesten Gedichte „Schubertinia“ von Krüger vorgetragen wird, ist es ansonsten völlig still im Saal. Selten wurde mit so besonderer Eigentümlichkeit dargestellt, was Musik in einem Menschen bewirken kann.

Dass Ehefrau Monica einige Passagen aus den Gedichten in der schwedischen Sprache vorträgt, verleiht der Lesung einen zusätzlichen besonderen Reiz. Sehr schön auch einige Auszüge aus dem Briefwechsel des Lyrikers mit dem amerikanischen Poeten Robert Bly, in denen schon vor Jahrzehnten über den Nobelpreis geschrieben wurde. Allerdings hielt Tranströmer seinen Freund Bly für den Favoriten, wenn der denn achtzig würde. Schließlich war es dann doch umgekehrt der Fall.

Am Ende des Abends gibt es “standing ovations” für den Preisträger, der so bescheiden wirkt. Auf dem Heimweg bin ich für meine Verhältnisse recht schweigsam. Ich bin nachhaltig beeindruckt und bewegt.

„Wenn ich schreibe, bin ich Musiker.“ – Arne Dahl gegen die Gier


2012
03.22

Buchhändlerreporterin Simone Hehl

von Simone Hehl

Auch dieses Jahr bin ich wieder als „rasende Reporterin“ unterwegs. Meine Veranstaltungsreihe beginnt mit der Lesung des schwedischen Krimiautors Arne Dahl auf dem Literaturschiff MS RheinEnergie.
Da die Veranstaltung restlos ausverkauft ist, muss ich Arne Dahl und seine beiden Begleiter “leider” mit ca. 650 Zuschauern teilen.

Durch den Abend führt die Journalistin und Moderatorin Anne Bubenzer. Die deutschsprachigen Textpassagen liest Schauspieler und Sänger Gerd Köster. Mit seiner angenehmen Stimme entführt er uns zweimal an diesem Abend ins eisige, nasskalte London, wo der Krimi beginnt.

Zur großen Überraschung des Publikums entscheidet sich Arne Dahl spontan dazu das Interview auf Deutsch zu geben. Der zeitweise in Berlin lebende Autor hat gerade seinen neuen Wirtschaftsthriller „Gier“ zum Thema Finanzkrise im Piper Verlag veröffentlicht.
Im ersten Teil seiner neuen Buchreihe stellt der Autor uns ein neues Ermittlerteam vor, eine Landesgrenzen übergreifende Sondereinheit, die Verbrechen auf internationaler Ebene aufklären soll. Komplett wollte Arne Dahl aber beim Schreiben nicht auf seine lieb gewonnen Figuren verzichten, berichtet er. So trifft der Leser auf alte Bekannte wie Paul Hjelm, Kerstin Holm und Arto Söderstedt.

Es ist ein sehr düsteres Zukunftsbild, das uns der sympathische Autor vermittelt. Aber schließlich „möchte er den Leser mit seinem Krimi nicht nur unterhalten, sondern auch unsere Aufmerksamkeit auf das lenken, “was um uns herum geschieht“, erklärt er dem gebannt lauschenden Publikum.
Gegen Ende verrät er uns seinen Traum Musiker zu sein und seinen Trost in der harten, von Gier durchtriebenen Welt: wehmütiger Jazz.

Nachdem ich mir noch drei Exemplare habe signieren lassen, schlendere ich doch ein wenig nachdenklich gestimmt zum Bahnhof und durchforste in Gedanken meine MP3s um den Abend mit passender Musik ausklingen zu lassen.

„Der Umweg“ – erfrischende Lesung mit Gerbrand Bakker und viel Atmosphäre!


2012
03.22

Buchhändlerreporterin Christin Dittert

von Christin Dittert

Heute Abend durfte ich die Veranstaltung mit dem niederländischen Autoren Gerbrand Bakker besuchen, der seinen neuen Roman „Der Umweg“ vorstellte. Es moderiert die Literaturredakteurin und -kritikerin Julia Schröder, und die deutsche Übersetzung des Romans wurde gelesen von der Schauspielerin Therese Dürrenberger.

In Gerbrand Bakkers neuen Roman geht es um eine Frau, die Schlimmes erlebt zu haben scheint, und deren Zukunft auch nicht das Beste hoffen lässt, sie ist sterbenskrank. Sie sucht die Einsamkeit und flüchtet sich in einen abgelegenen Ort in Wales, mietet dort ein altes Bauernhaus, um nur noch für den Augenblick zu leben und sich den Gedichten von Emily Dickinson zu widmen. Dem Leser erschließen sich zwar peu á peu die Zusammenhänge, aber bis zum Ende hin erscheint die Protagonistin rätselhaft und geheimnisvoll, so wie die gesamte Geschichte, die sie umgibt, ebenso die Randfiguren, von denen man nur ansatzweise etwas erfährt.

Gerbrand Bakker signiert seinen neuen Roman

Da darf die Frage seitens Julia Schröder erlaubt sein: Was hat sich Herr Bakker dabei gedacht? Warum entstand dieses Buch? Nun, die Antwort vom Autor ist so einfach wie sympathisch. Nämlich: Diese Frage stelle er sich auch, warum gerade dieses Buch entstanden ist.
Eines Tages setzte er sich hin und schrieb und schrieb, sodass nach 6 Monaten dieses Meisterwerk der Andeutungen, der Ahnungen entstand.
Ihm seien die eigentliche Handlung eines Romans auch gar nicht wichtig, das Wichtigste für ihn sei es, eine Atmosphäre zu entwickeln und den Leser erahnen zu lassen.

Es war äußerst spannend Gerbrand Bakker zu erleben, wie er etwa völlig selbstverständlich davon berichtet, dass er völlig unorganisiert schreibt und sich selbst als intuitiven Schriftsteller sieht. Er schreibe so, wie der Leser lese: Seite für Seite!
Ja – entweder es kommt, oder es kommt nicht, so bringt es der Autor auf den Punkt. Seit anderthalb Jahren nun schreibt er nicht mehr, weil eben „nicht’s mehr kommt“!
Im Frühling wird er wieder einen Auftrag als Gärtner annehmen, einen von so vielen Berufen, die er gelernt hat.

Buchhändlerreporterin Christin Dittert und Gerbrand Bakker

Mit seiner lockeren, unkomplizierten und verschmitzten Art gewann Herr Bakker sofort das gesamte Publikum für sich. Er ist ein Schriftsteller mit viel Humor, der es manches Mal mit bloßer Mimik schaffte, das Publikum zum Lachen zu bringen.
Sehr schön war es auch zu erleben, wie Herr Bakker einige Passagen auf holländisch aus seinem Roman vortrug. Gespannt lauschte das Publikum, bis er dann auf deutsch ankündigte: „So, jetzt ist aber genug!“.

Erwähnen möchte ich unbedingt noch, dass Therese Dürrenberger wunderbar gelesen hat. Die Atmosphäre die Gerbrand Bakker mit seinen Texten schafft, vermochte sie mit ihrer weichen und angenehmen Stimme perfekt abzurunden.

Diese Lesung war ein gelungenes Event und ich kann nur sagen: Jederzeit wieder!

Vier Generationen, ein halbes Jahrhundert – Eugen Ruges “In Zeiten des abnehmendes Lichts”


2012
03.22

Buchhändlerreporterin Corinna Müller

von Corinna Müller

Als 2009 Eugen Ruges Prosamanuskript „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde, konnte der Rowohlt Verlag bereits auf einen Erfolg des Buches hoffen. Zwei Jahre später übertraf es sogar alle Erwartungen und gewann neben dem Aspekte-Literatur-Preis auch den Deutschen Buchpreis 2011.

Schriftsteller Eugen Ruge und Moderatorin Bettina Böttinger

In seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ verarbeitete der Mathematiker, Schriftsteller und Übersetzer Eugen Ruge, der 1954 in Soswa (Ural) geboren wurde, Teile seiner eigenen Biographie und Familiengeschichte. Darin berichtet er von den Jahren des Exils bis zum Wendejahr 1989 und führt dabei den Leser von Mexiko über Sibirien in die ehemalige DDR. Das dadurch entstandene breite Abbild des 20. Jahrhunderts vergleichen Kritiker mit Thomas Manns Buddenbrooks und sind umso mehr begeistert, da es sich um den Debütroman des Autors handelt.

Eugen Ruge liest aus seinem neuen Roman

Fünf Monate nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises, für die er keine Dankesrede vorab schrieb, in dem Aberglauben vielleicht so die unverhoffte Ehrung zu erhalten, hat Eugen Ruge diesen abgelegt und kam gut vorbereitet im ausverkauften Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR an.

Moderiert von Bettina Böttinger entspann sich ein Gespräch mit Eugen Ruge über seine eigene Biographie und die seiner Eltern und Großeltern. In seinem Roman vermischte er eigene und erzählte Erfahrungen mit der Fiktion eines Autors, die zusammen eine Reise durch Generationen und Länder ergeben.

Eine Dolmetscherin übersetzt in Gebärdensprache

Eugen Ruge überzeugte nicht nur als Gesprächspartner, sondern auch als ausgezeichneter Vorleser, wobei er den Zuschauern einen Einblick in sein Werk ermöglichte.

Neben Ruge und Böttinger spielten zwei Damen eine große Rolle auf der Bühne. Sie übersetzten synchron das Gesagte und Gelesene in die Gebärdensprache und ermöglichten somit auch Gehörlosen in den erzählerischen Genuss des Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zu kommen.

Insgesamt war es ein durchweg gelungener Abend beim WDR, an dem das Publikum bei allem ernsthaften Hintergrund des Buches, auch herzhaft lachen konnte.

Literarisches Gemetzel in Köln


2012
03.22

Buchhändlerreporterin Janina Laube

von Janina Laube

Pünktlich um 19.30 Uhr am 20.03.2012 startete meine zweite lit.COLOGNE-veranstaltung, die ich besuchen durfte. Mit einem Krimi-Medley, vorgetragen von einem großartigen Orchester, begann das literarische Gemetzel in der Kölnarena. 4400 Krimifans haben sich zusammengefunden um mit Moderator Frank Schätzing in die Welt von Mord und Todschlag einzutauchen. Mit seiner humorvollen echt kölschen Art führte Schätzing wortgewandt durch das Abendprogramm.

Das WDR Rundfunkorchester spielte bekannte Krimi-Melodien

Die ersten Gäste waren das Autorenduo Volker Klüpfel und Michael Kobr, die mit ihren Kluftingerkrimis deutschlandweit einen riesigen Erflolg haben. Allerdings nur deutschlandweit… Doch was ist mit dem Rest von Europa oder gar der ganzen Welt?
Sehr lustig versuchen die beiden die Ursache dafür herauszufinden und führten nebenbei ein kleines Theaterstück mit Kostümierung vor, mit dem wohlklingenden Titel „Alpenglühen“.

Um die Gemüter nach dieser spritzigen Einlage zu beruhigen, liest Claudia Michelsen und Matthias Brand Passagen aus verschiedenen Krimis (unter anderem Petra Hammesfahr) vor. Danach folgt ein James Bond-Medley des wunderbaren Orchesters, was ein wahrer Genuss für Augen und Ohren ist.

Krönender Abschluss an diesem Abend war der Auftritt des deutschen Bestsellerautors Sebastian Fitzek, der mit einem actionreichen Filmtrailer zu „Das Kind“ sowie einem Kurzfilm zu Beginn für Spannung sorgte und Auszüge aus seinen Werken vorlas und das Publikum fesselte.

Ein rundum gelungener Abend, nach dem jeder Besucher noch die Möglichkeit hatte, sein persönliches Lieblingsbuch der Veranstaltung zu erwerben.

Blutsauger in Sparkasse – Ein Abend mit Biss


2012
03.21

von Markus Kowal

Buchhändlerreporter Markus Kowal

Die Nacht umhüllt den gläsernen Palast und eine große Menschenmenge hat sich davor versammelt. Fast erwartet man schon Fackeln und gespitzte Pfähle in ihren Händen, aber es sind dann doch nur die Eintrittskarten.
Wie bei den Vampiren kann man erst herein, wenn man hinein gebeten wurde und das werden wir schließlich auch sehr freundlich. Dann strömen die Massen in den großen Saal und uns erwartet ein schauriges Bild. Fledermäuse schwirren umher, Knoblauch liegt aus, ein riesiger Totenkopf starrt uns an und da ist sogar der angespitzte Pfahl.
Wir befinden uns nicht in einem Horrorfilm, sondern in der Sparkasse Köln/Bonn am Rudolfplatz in Köln.

Vor einer blutroten, von dunklen Ranken überzogenen Wand, erscheinen plötzlich, wie aus dem Nichts, Gerd Köster, die Moderatorin Margarete von Schwarzkopf und der Vampirexperte Hans Meurer. Heute geht es um den Vampirroman überhaupt – “Dracula” von Bram Stoker. In Deutschland erschien dieser zuerst 1908 und kostete einen nicht etwa das Leben, sondern 5 Mark. Damals wurde schon verkündet, für “Schwachnervige” sei es keine geeignete Lektüre.

Vampirismusexperte Hans Meurer und Moderatorin Margarte von Schwarzkopf

Von Herrn Meurer, dessen Buch “Vampire – Engel der Finsternis” einige Hintergründe des Vampirismus erläutert, erfahren wir so manches über Bram Stoker und dessen Buch. Eigentlich sollte der Vampir eine Frau sein und nicht in Transsilvanien spielen, sondern in der Steiermark. Ob dann Draculine ein Dirndl getragen hätte, anstatt eines Umhanges, werden wir wohl nie erfahren, denn Stoker hat sich, Luzifer sei Dank, dann ja doch für Dracula entschieden!

Zwischen den Erläuterungen des Experten, liest Gerd Köster einige Passagen aus dem blutigen Roman vor und wäre es nicht so hell, würde man sofort nach dem Pfahl greifen, um sich in Sicherheit zu wiegen. Dass die Vorlage für den Fürst der Finsternis eine wahre historische Figur ist, hat man vielleicht schon mal gehört.
Vlad, der Pfähler war als sehr grausam verschrien. Natürlich hielt sich Stoker nicht besonders an die historischen Vorgaben, sondern fügte aus religiösen Motiven, Aberglaube, Legenden und alten Schriften eine ganz neue Figur zusammen, die alles bisher dagewesene in den Schatten stellte, obwohl sie eigentlich ohne Seele, gar keinen Schatten besaß.

Sänger und Hörbuchsprecher Gerd Köster

Aber die Parallelen von Bram Stoker und Karl May waren mir bis dahin neu. Beide starben fast zur gleichen Zeit und haben die beschrieben Länder nie selbst gesehen. Christopher Lee hätte sogar fast den Winnetou gespielt. Wenn man da nicht eine Gänsehaut bekommt. Die erotischen Anspielungen in dem Roman waren ebenfalls nicht üblich in der damaligen Zeit. Demnächst erscheint eine Neuübersetzung von Dracula, indem man den Roman an die modernere Sprache angepasst hat: So wird etwa aus Bündel nun Tasche.

Jetzt ergreife ich schnell das mir zum Abschluss angebotene Knoblauch für die sichere Heimreise und muss an den auch erwähnten Film “Tanz der Vampire” denken, wo der gebissene Wirt von Alfred mit einem Kreuz bedroht wird und dieser erwidert: “Die wirken nicht bei jüdischen Vampiren!” Ich bin trotzdem gut zu Hause angekommen und hoffe die anderen Gäste auch!

Von Hühnern und Hundertjährigen – Jonas Jonasson auf der lit.COLOGNE


2012
03.21

Buchhändlerreporterin Kristina Mink

von Kristina Mink

Heute Abend besuchte ich im Theater des Tanzbrunnens die Lesung mit Jonas Jonasson. Es wurde das aktuelle Buch „Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand“ vorgestellt. Mit Jonasson im Gespräch war die Moderatorin Anne Bubenzer und einige Textpassagen wurden von Rufus Beck gelesen.

Der schwedische Bestsellerautor Jonas Jonasson

Jonas Jonasson wurde in Schweden geboren. Er war Journalist bis er sich schließlich dazu entschied, ein Medienconsulting-Unternehmen zu gründen. Als Ihm die Unternehmung zu groß wurde (aus einem 1-Mann-Betrieb zu ca.  100 Angestellten) entschied, sich Jonasson alles zu verkaufen, da er sich immer für alles und jeden verantwortlich fühlte. Zum Entspannen begann er mit dem Schreiben und hat das bis heute beibehalten.
Mittlerweile lebt er glücklich in Schweden und hat viele Hobbies. Unter anderem hat er sich mehr als 14 Hühner gekauft, von denen einige vom Fuchs gefressen wurden.

Schauspieler und Sprecher Rufus Beck

Bevor er nach Deutschland kam, hat er noch mit seinen Nachbarn ein Fest gefeiert, da das Pferd des Nachbarns den Fuchs totgetreten hat. Weil Gotland eigentlich das Land der Schafe ist, überlegte er sich auch welche zuzulegen und kaufte sich einen Ratgeber. Da aber auf den ersten Seiten nur von Krankheiten erzählt wurde, hat er das Vorhaben erstmals erstmal beiseite gelegt.

Rufus Beck las den Abend durchweg immer wieder Passagen aus dem Bestseller-Roman die anschließend mit Anekdoten Jonassons geschmückt und veredelt wurden. Als zum Beispiel zu Beginn des Buches das Altenheim beschrieben wurde, sagte Jonasson, dass dieses mittlerweile wie ein Publikumsmagnet für Schwedenreisende geworden sei. Man kann fast sagen, dass es jetzt eine Art Tourismus in dem Örtchen gibt.

Jonas Jonasson und Übersetzerin Anne Bubenzer

Als dann Jonasson sogar Passagen aus seinem Werk auf schwedisch vortrug, meinte der sehr erheiterte Rufus Beck, dass Schwedisch wie Deutsch klinge, nur Rückwärts gesprochen. Der Saal tobte!
Selten habe ich einen solch unterhaltsamen und mit Raffinesse geschmückten Abend verbracht, der so viel über ein Werk und seinem sympathischen Autor preisgab.
Unterstützt von der meisterhaften und leidenschaftlichen Leistung des bekannten Hörbuchsprechers, Rufus Beck, wurde der Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis auf ganzer Linie.

Annika Reich über das Single-Dasein und die Flucht vor dem Alltag


2012
03.20

Buchhändlerreporterin Stefanie Menzel

von Stefanie Menzel

Eine der zahlreichen Veranstaltungen am sechsten Tag der lit.COLOGNE (leider schon dem „Bergfest“), war die Lesung der jungen deutschen Autorin Annika Reich, die im Comedia Theater in Köln aus ihrem neuen Roman „34 Meter über dem Meer“ las. Die Moderation des Abends übernahm Sabine Scholt.

Ich habe die Lesung mit Spannung erwartet, Annika Reichs Bücher habe ich wirklich sehr gern gelesen und sie als außergewöhnlichen Lesegenuss empfunden.Doch warum eigentlich „34 Meter über dem Meer”? Das Buch bekam diesen Titel, weil Berlin (der Handlungsort des Romans) 34 Meter über dem Meeresspiegel liegt und eine der Hauptfiguren ein am Leben gescheiterter Meeresforscher ist (so erzählt er es auf jeden Fall sich selbst und anderen). Dieser Herr, Horrowitz sein Name, tauscht mit einer jungen Dame namens Ella seine Wohnung in Berlin. Einfach so. Ohne sie zu kennen. Beide haben dafür jedoch ihre guten Gründe.

Schriftstellerin Annika Reich zog das Publikum in ihren Bann

Der eine möchte fliehen, die andere endlich richtig beginnen. Und so leben sie beide das Leben des jeweils anderen und versuchen, gut darauf acht zu geben und nichts zu zerbrechen (und nebenher auch noch ihre eigenen Wege zu finden).

Was für ein tolles Thema für einen Roman und Annika Reich hat es brillant zu Papier gebracht. Bei diesem Titel, so wie auch bei „Durch den Wind“, dem Vorgänger, hätte ich mir jeden zweiten Satz herausschreiben können – so gelungen, so schön und so sehr auf den Punkt finde ich ihren Schreibstil. Und auch bei dem heutigen Leseabend hätte ich mir das ein oder andere Mal gewünscht, ein Tonband dabei zu haben oder doch wenigstens Steno zu beherrschen.

Annika Reich hat eine umwerfend herzerfrischende Art an sich, die einen immer wieder in schallendes Gelächter ausbrechen lässt. Neben den Auszügen aus ihrem Buch (die sie frei wählte und immer wieder gekonnt die Empfehlungen des Lektorats ignorierte), sprach sie von den Vorgängen ihrer Schreibarbeit, von den Schwierigkeiten und Zweifeln, die der Beruf des Schriftstellers mit sich bringen kann. Dazu kann ich nur sagen, jemand der Wörter wie „lichterloh“ benutzt, um seine Charaktere zu beschreiben und der so lebendig und charismatisch auf der Bühne ist, wird all diese wunderbaren Eigenschaften bestimmt noch sehr häufig auf das Papier bannen können.

Schreiben Sie weiter, Frau Reich. Alles andere wäre Verschwendung. Ich jedenfalls freue mich schon jetzt auf das nächste Buch, das Sie uns hoffentlich auch wieder in Köln (53 Meter über dem Meeresspiegel) präsentieren werden!

Solidaritätsbekundung für Roberto Saviano und seinen Kampf gegen Mafia und Korruption


2012
03.20

Buchhändlerreporter Michael Raschke

von Michael Raschke

Dass dies keine lit.COLOGNE-Veranstaltung werden würde wie viele andere, war mir schon im Vorfeld bewusst; und auch wenn ich diesem Abend mit ganz besonderer Spannung entgegenfieberte, so beschlich mich zeitweise auch ein mulmiges Gefühl: verschärfte Sicherheitskontrollen führten dazu, dass die Veranstaltung im Theater am Tanzbrunnen erst mit rund 25 Minuten Verspätung beginnen kann – auch liegt eine gewisse Spannung in der Luft, die Stimmung ist weniger ausgelassen als bei vielen anderen lit.COLOGNE-Veranstaltungen.

Gespannte Atmosphäre im ausverkauften Theater am Tanzbrunnen

Dann aber trat er, der Star des Abends, endlich auf die Bühne, den Mitorganisator Rainer Osnowski in seiner Anmoderation als einen jener Männer bezeichnete, die für eine bessere Welt eintreten: Roberto Saviano, ein drahtiger, sportlicher Mann Anfang Dreißig, der gerührt und bewegt zu sein scheint, dass rund tausend Besucher in das Theater am Tanzbrunnen gekommen sind, nur um ihn zu sehen und zu hören.

Im Jahr 2007 wurde der aus Neapel stammende Journalist über Nacht berühmt durch seinen halbdokumentarischen Roman „Gomorrha“, in dem er – nach jahrelangen verdeckten Recherchen – die Praktiken des organisierten Verbrechens und dessen Vernetzung mit legalen Wirtschaftsstrukturen und der Politik offenlegte und auch die Namen und Aktivitäten der Täter nannte. Dies hatte gravierende Folgen für sein Leben, von denen er im Gespräch mit dem Journalisten Dominik Wichmann ebenso freimütig wie authentisch, aber auch mit italienischem Charme und feinem Humor berichtete. Wiederholte Morddrohungen von Mafia und Camorra zwingen ihn seitdem zu einem Leben im Untergrund unter ständigem Personenschutz, alle zwei Tage muss er in ein neues Versteck wechseln.

Roberto Saviano im Gespräch mit Dominik Widmann, übersetzt von Paola Barbon

Auch seine Familie ist betroffen: so mussten seine Mutter und sein Bruder wegen ständiger Drohungen ihren Wohnort verlassen. Auf Nachfrage – als Übersetzerin fungierte die namhafte Italienisch-Dozentin und Übersetzerin Paola Barbon – beschreibt Saviano sein Leben seit „Gomorrha“ als ein „bipolares Leben“, in dem er einerseits im gleißenden Licht der medialen Öffentlichkeit stehe, andererseits aber auch völlig einsam im Untergrund lebe. Freimütig gibt er zu, dass „es schwierig (sei), sich darin selbst zu finden“ und dass er daran letztlich „zerbrochen“ sei. „Man bezahlt immer für das, was man getan hat und wird immer für das belohnt, was man getan hat.“ Sätze wie diese gehen sicherlich nicht nur mir unter die Haut!

Auf der Bühne sitzt kein „gebrochener“ Mann, wohl aber ein gezeichneter. Und auch wenn er frühere Interview-Aussagen wiederholt, dass der Preis letztlich zu hoch sei und sich nicht gelohnt habe, so zeigt doch sein neues Buch mit seinem programmatischen Titel „Der Kampf geht weiter – Widerstand gegen Mafia und Korruption“, dass sich Saviano treu bleibt und nicht anders kann, als seinen Kampf fortzusetzen.

Michael Weber wartet auf seinen Einsatz

Michael Weber vom Schauspielhaus Köln liest anschließend zwei prägnante Stellen aus diesem Werk, eine aus dem Vorwort zur deutschen Ausgabe, in der Saviano deutlich macht, wie zögerlich die deutschen Sicherheitsbehörden auch nach dem Blutbad in Duisburg im August 2007 gegen mafiöse Strukturen hierzulande vorgeht und damit deren Agieren zu wenig unterbindet. Die zweite Passage beschreibt beispielhaft den Aufstieg eines Mafia-Bosses und sowohl die archaischen Strukturen als auch die kulturellen, religiösen und familiären Umstände, die diesen ermöglichen.

Zum Abschluss bedankt sich Roberto Saviano nochmals ganz persönlich bei den Zuschauern, insbesondere den zahlreichen italienischen, für Ihren Besuch und entschuldigt sich dafür, dass er jetzt leider gehen müsse. Dass er gerne noch länger geblieben wäre und auch seine Bücher signiert hätte, glaube ich ihm sofort. Leider ließen dies die Sicherheitskräfte offensichtlich nicht zu. Doch auch so war dieser Abend eine einzigartige Solidaritäts- und Sympathiebekundung für einen mutigen Menschen!