
Buchhändlerreporter Michael Raschke
von Michael Raschke
Dass dies keine lit.COLOGNE-Veranstaltung werden würde wie viele andere, war mir schon im Vorfeld bewusst; und auch wenn ich diesem Abend mit ganz besonderer Spannung entgegenfieberte, so beschlich mich zeitweise auch ein mulmiges Gefühl: verschärfte Sicherheitskontrollen führten dazu, dass die Veranstaltung im Theater am Tanzbrunnen erst mit rund 25 Minuten Verspätung beginnen kann – auch liegt eine gewisse Spannung in der Luft, die Stimmung ist weniger ausgelassen als bei vielen anderen lit.COLOGNE-Veranstaltungen.

Gespannte Atmosphäre im ausverkauften Theater am Tanzbrunnen
Dann aber trat er, der Star des Abends, endlich auf die Bühne, den Mitorganisator Rainer Osnowski in seiner Anmoderation als einen jener Männer bezeichnete, die für eine bessere Welt eintreten: Roberto Saviano, ein drahtiger, sportlicher Mann Anfang Dreißig, der gerührt und bewegt zu sein scheint, dass rund tausend Besucher in das Theater am Tanzbrunnen gekommen sind, nur um ihn zu sehen und zu hören.
Im Jahr 2007 wurde der aus Neapel stammende Journalist über Nacht berühmt durch seinen halbdokumentarischen Roman „Gomorrha“, in dem er – nach jahrelangen verdeckten Recherchen – die Praktiken des organisierten Verbrechens und dessen Vernetzung mit legalen Wirtschaftsstrukturen und der Politik offenlegte und auch die Namen und Aktivitäten der Täter nannte. Dies hatte gravierende Folgen für sein Leben, von denen er im Gespräch mit dem Journalisten Dominik Wichmann ebenso freimütig wie authentisch, aber auch mit italienischem Charme und feinem Humor berichtete. Wiederholte Morddrohungen von Mafia und Camorra zwingen ihn seitdem zu einem Leben im Untergrund unter ständigem Personenschutz, alle zwei Tage muss er in ein neues Versteck wechseln.

Roberto Saviano im Gespräch mit Dominik Widmann, übersetzt von Paola Barbon
Auch seine Familie ist betroffen: so mussten seine Mutter und sein Bruder wegen ständiger Drohungen ihren Wohnort verlassen. Auf Nachfrage – als Übersetzerin fungierte die namhafte Italienisch-Dozentin und Übersetzerin Paola Barbon – beschreibt Saviano sein Leben seit „Gomorrha“ als ein „bipolares Leben“, in dem er einerseits im gleißenden Licht der medialen Öffentlichkeit stehe, andererseits aber auch völlig einsam im Untergrund lebe. Freimütig gibt er zu, dass „es schwierig (sei), sich darin selbst zu finden“ und dass er daran letztlich „zerbrochen“ sei. „Man bezahlt immer für das, was man getan hat und wird immer für das belohnt, was man getan hat.“ Sätze wie diese gehen sicherlich nicht nur mir unter die Haut!
Auf der Bühne sitzt kein „gebrochener“ Mann, wohl aber ein gezeichneter. Und auch wenn er frühere Interview-Aussagen wiederholt, dass der Preis letztlich zu hoch sei und sich nicht gelohnt habe, so zeigt doch sein neues Buch mit seinem programmatischen Titel „Der Kampf geht weiter – Widerstand gegen Mafia und Korruption“, dass sich Saviano treu bleibt und nicht anders kann, als seinen Kampf fortzusetzen.

Michael Weber wartet auf seinen Einsatz
Michael Weber vom Schauspielhaus Köln liest anschließend zwei prägnante Stellen aus diesem Werk, eine aus dem Vorwort zur deutschen Ausgabe, in der Saviano deutlich macht, wie zögerlich die deutschen Sicherheitsbehörden auch nach dem Blutbad in Duisburg im August 2007 gegen mafiöse Strukturen hierzulande vorgeht und damit deren Agieren zu wenig unterbindet. Die zweite Passage beschreibt beispielhaft den Aufstieg eines Mafia-Bosses und sowohl die archaischen Strukturen als auch die kulturellen, religiösen und familiären Umstände, die diesen ermöglichen.
Zum Abschluss bedankt sich Roberto Saviano nochmals ganz persönlich bei den Zuschauern, insbesondere den zahlreichen italienischen, für Ihren Besuch und entschuldigt sich dafür, dass er jetzt leider gehen müsse. Dass er gerne noch länger geblieben wäre und auch seine Bücher signiert hätte, glaube ich ihm sofort. Leider ließen dies die Sicherheitskräfte offensichtlich nicht zu. Doch auch so war dieser Abend eine einzigartige Solidaritäts- und Sympathiebekundung für einen mutigen Menschen!